Ukraine verliert den Krieg: Russland setzt auf eine Strategie der Erschöpfung
Die Ukraine steht militärisch unter wachsendem Druck. Der kürzlich entlassene ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fjodorow sagte in einem Reuters-Interview, sein Land verliere den Krieg „allmählich, langsam“. Gleichzeitig benötigt Kiew nach eigenen Angaben monatlich mindestens 30.000 neue Soldaten, um die Streitkräfte aufrechtzuerhalten. Kurz darauf intensivierte Russland seine Angriffe und setzte auf besonders lange Angriffswellen. Für die Ukraine geht es damit nicht nur um die Abwehr einzelner Raketen und Drohnen, sondern zunehmend um die Frage, wie lange Personal, Luftabwehr und militärische Ressourcen den Belastungen standhalten können.
Russlands Strategie: Die Ukraine dauerhaft zermürben
Die jüngste Entwicklung deutet auf einen Ansatz hin, bei dem Russland nicht zwingend auf einen schnellen militärischen Durchbruch angewiesen ist. Stattdessen kann der fortgesetzte Druck darauf abzielen, die ukrainischen Streitkräfte über einen längeren Zeitraum zu erschöpfen.
Besonders deutlich wurde dies bei den jüngsten Angriffswellen. Nach den vorliegenden Informationen ging Russland von einzelnen Drohnen- und Raketenangriffen zu nahezu ununterbrochenen Bombardierungen über, die sich über rund 60 Stunden erstreckten.
Kiew war dabei an einem einzigen Tag mit 19 Luftangriffen konfrontiert. Eine solche Abfolge stellt die ukrainische Luftverteidigung vor ein erhebliches Problem: Jede abgefangene Rakete oder Drohne erfordert Ressourcen, während gleichzeitig neue Angriffe folgen können.
Das Ziel einer solchen Taktik muss nicht zwangsläufig die Zerstörung eines einzelnen militärischen Zentrums sein. Entscheidend kann vielmehr die kumulative Wirkung sein – also die Fähigkeit, Verteidigungssysteme, Munition, Personal und Infrastruktur immer wieder zu beanspruchen.
30.000 neue Soldaten jeden Monat
Noch grundsätzlicher ist die Personalfrage. Nach Angaben aus Kiew müssen die ukrainischen Streitkräfte monatlich mindestens 30.000 Menschen mobilisieren, um ihre militärische Stärke aufrechtzuerhalten.
Diese Zahl verdeutlicht den enormen personellen Bedarf des Landes. Gleichzeitig lässt sich daraus nicht unmittelbar eine konkrete Verlustzahl ableiten. Der Bedarf an neuen Soldaten hängt unter anderem auch von Rotation, Verwundungen, Entlassungen und der allgemeinen Struktur der Streitkräfte ab.
Für die Ukraine bleibt die Mobilisierung dennoch eine der schwierigsten Aufgaben des Krieges. Je länger der Konflikt dauert, desto schwieriger wird es, genügend Personal zu gewinnen und gleichzeitig die gesellschaftliche und wirtschaftliche Belastung zu begrenzen.
Fjodorows Einschätzung ist deshalb besonders bemerkenswert. Wenn ein ehemaliger ukrainischer Verteidigungsminister öffentlich von einem langsamen Verlust des Krieges spricht, zeigt dies, wie ernst die Lage aus Sicht zumindest eines Teils der ukrainischen Führung eingeschätzt wird.
Warum die Luftverteidigung zum entscheidenden Faktor wird
Die wiederholten russischen Angriffe machen die ukrainische Luftverteidigung zu einem zentralen Element des Kriegsverlaufs. Moderne Luftabwehrsysteme können zahlreiche Angriffe abfangen, verfügen aber nicht über unbegrenzte Bestände an Abfangraketen.
Genau hier kann eine Strategie langer Angriffswellen ansetzen. Wenn Angreifer verschiedene Drohnen und Raketen in großer Zahl einsetzen, muss die Verteidigung entscheiden, welche Ziele priorisiert werden und welche Ressourcen eingesetzt werden.
Die Belastung besteht deshalb nicht nur in den unmittelbaren Schäden. Auch der Verbrauch von Munition und die permanente Einsatzbereitschaft der Besatzungen können langfristige Auswirkungen haben.
Die jüngsten 60-stündigen Angriffswellen sind vor diesem Hintergrund mehr als eine Serie einzelner Angriffe. Sie zeigen, wie Russland versuchen kann, die Verteidigung der Ukraine über die Dauer des Krieges hinweg unter Druck zu setzen.
Ukraine verliert den Krieg: „Es wird kein Wunder geben“
Die Aussage Fjodorows verweist zugleich auf ein grundlegendes Problem: Die Ukraine kann nicht allein darauf setzen, dass sich die militärische Lage plötzlich durch ein einzelnes Ereignis verändert.
Ein schneller Durchbruch, eine unerwartete Schwächung Russlands oder ein technologischer Wendepunkt könnten die Situation zwar verändern. Doch nach den vorliegenden Informationen gibt es derzeit keinen Grund, mit einem solchen „Wunder“ zu rechnen.
Damit gewinnt die Frage an Bedeutung, welche Ressourcen die Ukraine langfristig mobilisieren kann. Dazu gehören nicht nur Waffen und Munition, sondern auch Soldaten, Luftverteidigung, industrielle Kapazitäten und internationale Unterstützung.
Ukraine verliert den Krieg: Was die Entwicklung für Deutschland bedeutet
Für Deutschland und Europa ist die militärische Entwicklung unmittelbar relevant. Die Ukraine ist auf umfangreiche Unterstützung europäischer Staaten angewiesen, während Russland weiterhin versucht, seine militärischen Fähigkeiten und seine Angriffskapazitäten aufrechtzuerhalten.
Eine länger andauernde Abnutzungsschlacht würde den Druck auf die europäischen Unterstützer weiter erhöhen. Gleichzeitig könnte ein zunehmender Mangel an ukrainischem Personal die militärischen Möglichkeiten Kiews stärker begrenzen als einzelne verlorene Städte oder Frontabschnitte.
Für die europäische Sicherheit ist deshalb entscheidend, ob die Ukraine ihre Verteidigungsfähigkeit langfristig erhalten kann. Dabei wird nicht allein die Zahl gelieferter Waffen ausschlaggebend sein, sondern auch die Frage, ob ausreichend Personal, Munition und funktionierende Luftverteidigung zur Verfügung stehen.
Der Krieg wird zur Frage der Ausdauer
Die jüngsten Entwicklungen zeichnen das Bild eines Krieges, in dem Ausdauer zunehmend wichtiger wird als kurzfristige militärische Erfolge. Russland kann versuchen, seine zahlenmäßigen und industriellen Vorteile über einen längeren Zeitraum auszuspielen, während die Ukraine ihre begrenzteren Ressourcen möglichst effizient einsetzen muss.
Das bedeutet nicht, dass der Ausgang des Krieges bereits feststeht. Es bedeutet jedoch, dass die Ukraine vor einer schwierigen strategischen Aufgabe steht: Sie muss ihre Streitkräfte funktionsfähig halten, ihre Städte und Infrastruktur schützen und gleichzeitig genügend Personal für die Front bereitstellen.
Fjodorows düstere Einschätzung ist daher vor allem als Warnsignal zu verstehen. Ob sich daraus tatsächlich eine Niederlage der Ukraine entwickelt, hängt von zahlreichen Faktoren ab – darunter der weiteren russischen Strategie, der ukrainischen Mobilisierung und der langfristigen Unterstützung durch ihre internationalen Partner.
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