Indiens neue Lebensmittelwarnhinweise sorgen für Streit: Zu lasch für Experten, zu streng für die Industrie
Neu-Delhi – Indien steht vor einer Grundsatzentscheidung über die Kennzeichnung von Lebensmitteln. Die zuständige Behörde für Lebensmittelsicherheit und -standards (FSSAI) hat einen Vorschlag für rote, sechseckige Warnhinweise auf der Vorderseite von Verpackungen vorgelegt. Doch der Plan stößt von zwei Seiten auf Widerstand: Gesundheitsexperten halten die Regeln für zu schwach, weil ein Produkt erst bei hohen Werten von mindestens zwei Nährstoffen gekennzeichnet werden soll. Die Lebensmittelindustrie wiederum warnt vor zu strengen Grenzwerten und befürchtet, dass zahlreiche Produkte künftig mit Warnhinweisen versehen werden.

Lebensmittelwarnhinweise Indien: Warum die neue Regel umstritten ist
Die Debatte kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Regierung von Premierminister Narendra Modi zunehmend auf die gesundheitlichen Folgen stark verarbeiteter Lebensmittel aufmerksam macht.
Nach Angaben der Regierung stieg der Einzelhandelsumsatz mit hochverarbeiteten Lebensmitteln zwischen 2006 und 2019 auf 38 Milliarden US-Dollar – eine Steigerung um das 40-Fache.
Parallel dazu wächst die Zahl der Menschen mit Übergewicht. Eine in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass 2021 rund 180 Millionen Erwachsene in Indien übergewichtig oder fettleibig waren.
Bis 2050 könnte diese Zahl nach den Studienprognosen auf 450 Millionen steigen.
Für die indische Regierung geht es bei der Kennzeichnung deshalb nicht nur um die Gestaltung von Verpackungen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Verbraucher schnell erkennen können, welche Lebensmittel besonders viel Zucker, Salz oder gesättigte Fettsäuren enthalten.
Der Vorschlag der FSSAI sieht dafür ein auffälliges rotes, sechseckiges Symbol vor. Es soll auf Produkte kommen, die die festgelegten Grenzwerte bei mindestens zwei der drei relevanten Nährstoffe überschreiten.
Genau diese Vorgabe ist für Gesundheitsexperten der größte Schwachpunkt.
Experten warnen vor einer Lücke bei einzelnen Nährstoffen
Nach dem derzeitigen Vorschlag reicht es nicht aus, wenn ein Lebensmittel nur bei einem der drei Nährstoffe einen hohen Wert erreicht.
Ein Produkt mit sehr viel zugesetztem Zucker könnte demnach unter Umständen ohne Warnhinweis bleiben, wenn Salz und gesättigte Fettsäuren unter den jeweiligen Grenzwerten liegen.
Barry Popkin, Professor am Department of Nutrition der UNC Gillings School of Global Public Health, hält diesen Ansatz für problematisch. Seiner Einschätzung zufolge wäre ein solches System praktisch wirkungslos, weil andere Länder mit Warnhinweisen jeweils separate Kennzeichnungen für die einzelnen problematischen Nährstoffe verwenden.
Damit steht eine grundsätzliche Frage im Raum: Soll ein Warnhinweis den Verbraucher vor einem einzelnen besonders hohen Nährstoffgehalt schützen – oder erst dann erscheinen, wenn mehrere ernährungsphysiologisch problematische Werte gleichzeitig überschritten werden?
Gesundheitsexperten plädieren für die erste Variante.
Die Industrie fürchtet dagegen genau das Gegenteil.
Lebensmittelkonzerne fürchten eine rote Welle
Für Hersteller könnte die geplante Kennzeichnung weitreichende Folgen haben.
Die FSSAI schlägt unter anderem Grenzwerte vor, nach denen bereits ein Zuckerzusatz von mehr als drei Gewichtsprozent oder ein Fettgehalt von mehr als 4,2 Gewichtsprozent zu einer Warnkennzeichnung beitragen kann.
Vertreter der Lebensmittelbranche halten diese Vorgaben für sehr streng.
Sie kritisieren außerdem, dass die Berechnung nach dem aktuellen Vorschlag auf 100 Gramm beziehungsweise 100 Milliliter eines Produkts basieren soll.
Ein leitender Branchenvertreter verwies gegenüber Reuters darauf, dass Verbraucher bestimmte Lebensmittel niemals in einer Menge von 100 Gramm auf einmal essen würden. Als Beispiel wurde Ketchup genannt.
Die Unternehmen favorisieren stattdessen eine Betrachtung nach tatsächlichen Portionen.
Das Argument ist für die Industrie von erheblicher Bedeutung. Ein Produkt kann auf 100 Gramm betrachtet einen hohen Zucker-, Salz- oder Fettgehalt aufweisen, obwohl eine typische Portion deutlich kleiner ist.
Die Frage der Berechnung könnte deshalb darüber entscheiden, wie viele Produkte tatsächlich einen Warnhinweis tragen müssen.
Ein Beispiel zeigt die Brisanz
Wie weit die Regeln reichen könnten, zeigt das Beispiel Kellogg’s Multigrain Chocos.
Das Produkt weist in Indien nach den vorliegenden Angaben 27 Gewichtsprozent zugesetzten Zucker aus. Salz und Fett liegen jedoch innerhalb der vorgesehenen Grenzwerte.
Nach dem derzeit diskutierten System könnte die Packung deshalb möglicherweise ohne Warnhinweis auskommen.
Für Experten ist genau das problematisch: Ein Produkt mit einem außergewöhnlich hohen Anteil an zugesetztem Zucker könnte für Verbraucher auf der Vorderseite unauffällig bleiben, sofern es die Kriterien bei den beiden anderen Nährstoffen nicht erfüllt.
Für die Hersteller ist das Beispiel wiederum ein Hinweis darauf, dass die Regeln nicht nur streng, sondern zugleich schwer vorhersehbar sein könnten.
Der Eigentümer von Kellogg’s, Mars, erklärte, das Unternehmen unterstütze klare und wissenschaftlich fundierte Nährwertangaben und werde sich an geänderte indische Vorschriften halten. Gleichzeitig verwies das Unternehmen darauf, dass Zutatenanforderungen und Geschmacksvorlieben regional unterschiedlich seien und Lebensmittel Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung sein könnten.
Auch Unilevers indische Tochtergesellschaft erklärte, sie unterstütze Maßnahmen, die Verbrauchern informierte Entscheidungen ermöglichen.
Warum Indien jetzt über Warnhinweise streitet
Der Streit kommt nicht überraschend.
Die indische Lebensmittelindustrie hat sich nach den vorliegenden Angaben bereits seit Jahren gegen verpflichtende Warnhinweise auf der Vorderseite von Verpackungen gewehrt.
Im März hatte Reuters berichtet, dass die Regierung dem Druck der Industrie nachgegeben habe. Unternehmen wie Coca-Cola sowie Verbände, die unter anderem Nestlé und PepsiCo vertreten, hatten sich gegen Warnhinweise auf Lebensmittel- und Getränkeverpackungen ausgesprochen.
Nun liegt ein konkreter Vorschlag auf dem Tisch.
Die FSSAI hat ihn dem Obersten Gerichtshof Indiens vorgelegt. Dort soll am 10. September über die inhaltliche Ausgestaltung beraten werden.
Damit ist die Auseinandersetzung nicht nur eine Frage zwischen Regierung und Lebensmittelindustrie. Auch Gerichte und Gesundheitsorganisationen spielen eine wichtige Rolle.
Die Organisation „3S And Our Health“ hat Neu-Delhi wegen der Kennzeichnung vor Gericht verklagt und bereitet nach den vorliegenden Angaben bereits eine Stellungnahme gegen Teile des aktuellen Vorschlags vor.
Der Oberste Gerichtshof wird zum entscheidenden Schauplatz
Die gerichtliche Auseinandersetzung könnte für die endgültige Ausgestaltung der Warnhinweise entscheidend sein.
Aktivisten kritisieren mehrere mögliche Ausnahmen und Schlupflöcher. Dazu zählen unter anderem Ausnahmen für Honig, Jaggery und ähnliche Produkte, die von Natur aus beziehungsweise traditionell einen hohen Zucker- oder Fettanteil haben können.
Hinzu kommt die sogenannte Zwei-Nährstoff-Grenze.
Für die Befürworter strengerer Regeln besteht die Gefahr, dass genau solche Ausnahmen und Schwellenwerte die Wirkung des gesamten Systems abschwächen.
Für die Industrie stellt sich dagegen die Frage nach der praktischen Umsetzbarkeit.
Traditionelle indische Süßigkeiten und herzhafte Snacks wie Namkeen enthalten häufig Zucker, Salz oder Fett. Ein Warnsystem mit sehr niedrigen Grenzwerten könnte deshalb einen erheblichen Teil der verpackten traditionellen Lebensmittel betreffen.
Der indische Verband der Süßwaren- und Namkeen-Hersteller erklärte, seine rund 5.000 Mitglieder seien deshalb „zutiefst besorgt“.
Nach Einschätzung des Verbands könnten viele verpackte traditionelle Süßigkeiten und Namkeen-Produkte künftig Warnhinweise tragen.
Chile liefert ein Beispiel für mögliche Auswirkungen
Die Befürworter der Warnhinweise verweisen auf Erfahrungen aus anderen Ländern.
Besonders häufig wird Chile genannt. Dort trat 2016 ein Kennzeichnungssystem in Kraft, bei dem Produkte für jeden übermäßigen Nährstoff ein separates schwarzes Achteck auf der Vorderseite erhalten.
Eine in „PLOS Medicine“ veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Verkäufe zuckerhaltiger Getränke in den ersten 18 Monaten nach Einführung des Gesetzes um 23,7 Prozent zurückgingen.
Für Gesundheitsexperten ist dies ein Hinweis darauf, dass auffällige Warnhinweise das Konsumverhalten tatsächlich beeinflussen können.
Die indische Debatte geht deshalb über die Frage hinaus, welche Farbe oder Form ein Etikett haben soll. Es geht darum, ob die Kennzeichnung zu einer Veränderung des Kaufverhaltens beitragen kann.
Gerade angesichts der wachsenden Zahl übergewichtiger Menschen könnte diese Frage für Indien an Bedeutung gewinnen.
Analyse: Zu streng und gleichzeitig zu schwach?
Der ungewöhnliche Streit um die indischen Lebensmittelwarnhinweise hat einen entscheidenden Widerspruch: Die beiden Seiten kritisieren denselben Vorschlag aus völlig unterschiedlichen Gründen.
Gesundheitsexperten sehen eine Regel, die zu viele problematische Produkte möglicherweise nicht erfasst. Die Lebensmittelindustrie befürchtet gleichzeitig, dass die Grenzwerte so niedrig angesetzt sind, dass große Teile des Marktes mit Warnsymbolen versehen werden.
Beides kann gleichzeitig zutreffen.
Ein System kann bei einzelnen Produkten zu streng sein und bei anderen zu großzügig. Genau deshalb ist die Zwei-Nährstoff-Regel so entscheidend.
Ein Beispiel wie die Multigrain Chocos zeigt das Problem besonders deutlich: Ein Produkt kann einen sehr hohen Anteil an zugesetztem Zucker enthalten und dennoch möglicherweise ohne Warnhinweis bleiben, wenn die beiden anderen Kriterien nicht erfüllt werden.
Umgekehrt könnten traditionelle Lebensmittel, die nur in kleinen Portionen gegessen werden, aufgrund einer Berechnung pro 100 Gramm sehr schnell als problematisch erscheinen.
Die Ausgestaltung der Grenzwerte und Berechnungsmethode wird damit mindestens genauso wichtig wie das Warnsymbol selbst.
Für Verbraucher geht es um mehr als ein rotes Symbol
Für die Verbraucher könnte ein verständliches Kennzeichnungssystem eine wichtige Orientierung bieten.
Die zentrale Idee von Warnhinweisen ist, komplexe Nährwertangaben auf eine unmittelbar erkennbare Information zu reduzieren. Statt kleine Tabellen auf der Rückseite einer Verpackung lesen zu müssen, soll ein auffälliges Symbol signalisieren, dass ein Produkt bei bestimmten Inhaltsstoffen besonders kritisch betrachtet werden sollte.
Doch genau hier liegt die Herausforderung.
Wenn zu viele Produkte ein Warnsymbol erhalten, könnte die Kennzeichnung ihre Aussagekraft verlieren. Wenn zu wenige Produkte erfasst werden, besteht umgekehrt die Gefahr, dass Verbraucher wichtige Informationen nicht erhalten.
Die indische Regierung muss deshalb einen Mittelweg finden, der wissenschaftlich begründete Grenzwerte mit einer verständlichen und praktikablen Kennzeichnung verbindet.
Ein Milliardenmarkt steht vor einer möglichen Veränderung
Die wirtschaftliche Dimension ist beträchtlich.
Die indische Lebensmittelindustrie hat einen Umsatz von mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Veränderungen bei der Verpackungskennzeichnung könnten deshalb nicht nur einzelne Hersteller betreffen, sondern einen großen Teil des Marktes.
Für Unternehmen könnten Warnhinweise das Kaufverhalten verändern und damit die Nachfrage nach bestimmten Produkten beeinflussen.
Der Verband der Süßwaren- und Namkeen-Hersteller warnt bereits vor möglichen Folgen für die Verbraucherwahrnehmung und Nachfrage.
Für die Hersteller geht es deshalb um weit mehr als neue Verpackungen. Rezepturen, Portionsgrößen, Marketing und Produktpositionierung könnten langfristig ebenfalls betroffen sein, wenn Verbraucher Warnhinweise bei Kaufentscheidungen berücksichtigen.
Noch ist allerdings nicht entschieden, welche endgültige Form das indische System haben wird.
Entscheidung im September könnte die Richtung vorgeben
Die für den 10. September angesetzte Anhörung des Obersten Gerichtshofs dürfte deshalb mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt werden.
Auf der einen Seite stehen Gesundheitsorganisationen und Experten, die ein möglichst wirksames System gegen die Folgen eines hohen Konsums von Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren fordern.
Auf der anderen Seite stehen Hersteller, die vor einem Kennzeichnungssystem warnen, das aus ihrer Sicht zu viele Produkte pauschal negativ darstellen könnte.
Dazwischen steht die Regierung, die angesichts steigender Zahlen bei Übergewicht und Fettleibigkeit eine Antwort auf den Wandel des indischen Ernährungsmarktes finden muss.
Der Streit zeigt letztlich, wie schwierig moderne Ernährungspolitik geworden ist. Ein Warnhinweis muss einfach genug sein, um im Supermarkt verstanden zu werden, aber wissenschaftlich präzise genug, um nicht entweder beliebig oder übermäßig streng zu wirken.
Indien steht damit vor einer Entscheidung mit weitreichenden Folgen: Das Land muss bestimmen, ob ein rotes Symbol auf einer Verpackung künftig tatsächlich eine klare Gesundheitswarnung bedeutet – oder ob die Ausnahmen und Grenzwerte das System so kompliziert machen, dass Verbraucher weiterhin selbst zwischen Zucker, Salz, Fett und Portionsgröße unterscheiden müssen.
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