Großbritannien meldet fast 80.000 Rückführungen seit dem Regierungswechsel
Großbritannien hat die Rückführungen von Menschen ohne Aufenthaltsrecht und ausländischen Straftätern deutlich ausgeweitet. Die Regierung von Premierminister Keir Starmer meldet inzwischen fast 80.000 Rückführungen seit ihrem Amtsantritt und spricht von den höchsten Werten seit nahezu einem Jahrzehnt. Gleichzeitig baut Innenministerin Shabana Mahmood die Abschiebehaft aus und plant weitere Änderungen des Asyl- und Einwanderungsrechts. Für Deutschland und die EU ist die Entwicklung besonders interessant, weil London bei der Migrationspolitik zunehmend auf schnellere Rückführungen, internationale Rücknahmeabkommen und eine stärkere Abschreckung irregulärer Einreisen setzt.
Abschiebungen Großbritannien erreichen neuen Höchststand
Nach den von der britischen Regierung veröffentlichten Angaben wurden seit Juli 2024 zehntausende Menschen aus Großbritannien zurückgeführt oder abgeschoben. Bereits Ende Juni 2026 meldete das Innenministerium knapp 70.000 Rückführungen und bezeichnete den Wert als den höchsten seit fast zehn Jahren. Gegenüber dem vorherigen Vergleichszeitraum stieg die Zahl demnach um 41 Prozent.
Zu den Rückführungen zählen unterschiedliche Gruppen. Dazu gehören Menschen ohne Aufenthaltsrecht, ausländische Straftäter sowie Personen, deren Asylverfahren ohne Aufenthaltsrecht endete. Eine solche Gesamtzahl darf deshalb nicht mit der Zahl der ausschließlich illegal eingereisten Migranten gleichgesetzt werden.
Nach den vorliegenden Angaben entfällt zudem nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Rückführungen auf Menschen, die mit kleinen Booten über den Ärmelkanal nach Großbritannien gelangten. Die Regierung verfolgt daher einen wesentlich breiteren Ansatz, der auch abgelehnte Asylbewerber, Straftäter und andere Personen ohne Aufenthaltsrecht umfasst.
Regierung setzt auf mehr Haftplätze und schnellere Verfahren
Innenministerin Shabana Mahmood will die Kapazität der Abschiebehaft deutlich erhöhen. Die Zentren in Haslar und Campsfield sollen ausgebaut werden; insgesamt soll die Kapazität für Menschen ohne Aufenthaltsrecht um 40 Prozent steigen. Nach Angaben des britischen Innenministeriums sollen dadurch in den kommenden zehn Jahren mehr als 45.000 ausländische Straftäter und abgelehnte Asylbewerber zusätzlich entfernt werden können.
Parallel plant die Regierung eine grundlegende Reform des Berufungssystems. Eine neue unabhängige Behörde soll künftig über Einwanderungs- und Asylrechtsmittel entscheiden und Verfahren beschleunigen. Hintergrund ist ein erheblicher Rückstau: Nach Angaben der Regierung warten mehr als 150.000 Einwanderungs- und Asylrechtsmittel auf eine Entscheidung, während die durchschnittliche Bearbeitungszeit bei 61 Wochen liegt.
Die geplante Reform soll verhindern, dass sich Verfahren durch mehrere aufeinanderfolgende Rechtsmittel über Jahre hinziehen. Gleichzeitig soll der Rechtsschutz für Menschen mit berechtigten Ansprüchen erhalten bleiben. Die neue Behörde soll voraussichtlich ab Ende 2027 schrittweise ihre Arbeit aufnehmen.
London verschärft auch die Zusammenarbeit mit Herkunftsländern
Ein weiterer Bestandteil der britischen Strategie sind Abkommen mit Staaten, deren Bürger zurückgeführt werden sollen. London hat dabei teilweise erheblichen politischen Druck eingesetzt.
Im März 2026 vereinbarte Großbritannien beispielsweise mit Nigeria eine erleichterte Rückführung. Nigeria akzeptiert seitdem ein britisches Ersatzdokument für Personen ohne gültigen Pass, wodurch ein bislang wichtiger administrativer Rückführungshinderungsgrund entfällt.
Auch mit Angola, Namibia und der Demokratischen Republik Kongo wurde eine Kooperation bei Rückführungen erreicht. Die britische Regierung hatte zuvor mit Einschränkungen bei Visa gedroht, falls diese Staaten ihre Staatsangehörigen nicht zurücknehmen.
Daneben arbeitet London eng mit Frankreich zusammen, um irreguläre Überfahrten über den Ärmelkanal zu reduzieren. Ein seit 2025 bestehendes Abkommen ermöglicht unter bestimmten Voraussetzungen die Rückführung von Menschen, die mit kleinen Booten nach Großbritannien gelangen. Gleichzeitig existiert eine begrenzte legale Einreisemöglichkeit nach Großbritannien.
Was Großbritanniens Kurs für Deutschland bedeutet
Großbritannien ist seit dem Brexit nicht Teil des gemeinsamen EU-Asylsystems. Dennoch verfolgt Deutschland die britische Entwicklung aufmerksam, weil London bei einem zentralen europäischen Migrationsthema einen eigenen Weg eingeschlagen hat.
Besonders relevant ist der Versuch, die Rückführung nicht nur durch nationale Maßnahmen zu beschleunigen, sondern Herkunfts- und Transitstaaten stärker einzubeziehen. Visa, Rücknahmeabkommen, Grenzkontrollen und diplomatischer Druck werden dabei miteinander verbunden.
Für Deutschland ist das insofern interessant, als auch hier die praktische Durchsetzung von Ausreisepflichten eine zentrale Herausforderung der Migrationspolitik darstellt. Der britische Ansatz zeigt allerdings zugleich, dass hohe Rückführungszahlen nicht allein durch mehr Abschiebehaft entstehen. Entscheidend sind funktionierende Identitätsprüfungen, Reisedokumente, Gerichtsverfahren und die Bereitschaft der Herkunftsstaaten, ihre Staatsangehörigen zurückzunehmen.
Die entscheidende Zahl ist nicht nur die Zahl der Abschiebungen
Die britische Regierung präsentiert die steigenden Rückführungen als Beleg für einen Kurswechsel. Tatsächlich zeigen die offiziellen Angaben eine deutliche Intensivierung der Maßnahmen. Gleichzeitig sollte die Gesamtzahl von fast 80.000 Rückführungen nicht als unmittelbarer Beleg dafür verstanden werden, dass sich das Problem irregulärer Migration im gleichen Umfang verringert hat.
Das wird besonders beim Blick auf die kleinen Boote deutlich. Die Zahl der von der Regierung genannten Rückführungen dieser Gruppe liegt deutlich unter der Gesamtzahl der Menschen, die seit dem Regierungswechsel über den Ärmelkanal angekommen sind.
Der britische Kurs setzt deshalb auf mehrere Hebel gleichzeitig: schnellere Entscheidungen, mehr Abschiebehaft, internationale Rücknahmeabkommen, verstärkte Grenzkooperation und neue rechtliche Regelungen. Ob diese Kombination langfristig die irreguläre Migration deutlich reduzieren kann, wird sich erst an den kommenden Jahren messen lassen.
Für Europa ist der britische Versuch dennoch politisch bedeutsam. London verschiebt die Debatte von der reinen Aufnahme- und Asylpolitik stärker hin zur Frage, wie Staaten ihre Entscheidungen tatsächlich durchsetzen können. Gerade diese Frage dürfte auch in Deutschland und anderen EU-Staaten weiter an Bedeutung gewinnen.
Ein harter Kurs mit europäischer Signalwirkung
Großbritannien verfolgt unter Labour einen deutlich verschärften Kurs bei Rückführungen und der Durchsetzung des Aufenthaltsrechts. Die Regierung verbindet höhere Abschiebezahlen mit einer Reform des Asylsystems, mehr Haftkapazitäten und einem stärkeren Druck auf Herkunftsländer.
Für Deutschland liegt die wichtigste Lehre weniger in einer einzelnen Rekordzahl als in der Gesamtstrategie. London versucht, das gesamte Verfahren von der Grenzkontrolle über die Asylentscheidung bis zur tatsächlichen Rückführung enger miteinander zu verzahnen. Ob daraus dauerhaft weniger irreguläre Migration entsteht, ist noch offen – der britische Kurs dürfte die europäische Migrationsdebatte jedoch weiter beeinflussen.
Mehr zum Thema „Großbritannien„






