Eltern oder beste Freunde? Psychologe erklärt, wo die Grenze zum Kind liegt
Eltern wünschen sich meist eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Kindern: Sie sollen über Sorgen, Gefühle und persönliche Probleme sprechen können, ohne Angst vor Ablehnung zu haben. Doch eine besonders enge Beziehung bedeutet nach Ansicht des Entwicklungspsychologen Steven Pont nicht automatisch, dass Eltern die besten Freunde ihrer Kinder sein sollten. Entscheidend sei vielmehr ein Gleichgewicht aus emotionaler Nähe, Unterstützung und klaren Grenzen. Gerade während der Pubertät brauchen Kinder demnach beides: zunehmende Selbstständigkeit und weiterhin Orientierung durch ihre Eltern.
Eltern-Kind-Beziehung hat sich verändert
Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gewandelt. Während Erwachsene früher weitgehend die Entscheidungen trafen und von Kindern vor allem Gehorsam erwartet wurde, erhalten die Gefühle und Meinungen von Kindern seit den 1960er-Jahren deutlich mehr Aufmerksamkeit.
Steven Pont bewertet diese Entwicklung grundsätzlich positiv. Kinder könnten heute offener mit ihren Eltern über persönliche Probleme und Emotionen sprechen. Gleichzeitig sieht der Entwicklungspsychologe eine Grenze dort, wo Eltern versuchen, die Rolle des besten Freundes oder der besten Freundin einzunehmen.
Seine Sorge: Eltern könnten damit einen sozialen Platz besetzen, der eigentlich Gleichaltrigen gehört. Besonders deutlich wird die Frage, wenn ein zwölfjähriges Kind seine Mutter oder seinen Vater als besten Freund bezeichnet.
Das bedeutet nach Pont allerdings nicht, dass Eltern wieder distanzierter oder autoritärer werden sollten. Im Gegenteil: Eine enge emotionale Verbindung bleibt wichtig. Die entscheidende Frage ist vielmehr, welche Rolle Erwachsene in dieser Beziehung einnehmen.
Nähe und klare Grenzen schließen sich nicht aus
Pont plädiert für eine Erziehung, die Wärme und feste Regeln miteinander verbindet. In der Entwicklungspsychologie wird dieser Ansatz als autoritative Erziehung bezeichnet.
Eltern sollen dem Kind demnach Zuneigung und Unterstützung geben, gleichzeitig aber Orientierung bieten und Grenzen setzen. Besonders in der Pubertät kann diese Kombination wichtig sein: Jugendliche wollen zunehmend selbst entscheiden, benötigen aber weiterhin Erwachsene, die Verantwortung übernehmen und ihnen Halt geben.
Eine partnerschaftlichere Beziehung kann sich laut Pont mit zunehmendem Alter ganz natürlich entwickeln. Sie muss deshalb nicht bereits in der Kindheit entstehen.
Der Unterschied zwischen Nähe und Freundschaft liegt dabei vor allem in der Verantwortung. Ein Freund kann auf Augenhöhe mit einem anderen Menschen über persönliche Probleme sprechen. Eltern tragen dagegen weiterhin die Verantwortung für ihr Kind und müssen manchmal Entscheidungen treffen, die dem Kind nicht gefallen.
Offenheit bedeutet nicht automatisch Freundschaft
Wie eine enge Eltern-Kind-Beziehung aussehen kann, zeigt das Beispiel der Journalistin Anne Tonen. Sie veröffentlicht gemeinsam mit ihrem Vater Instagram-Videos, in denen beide auch über Dating und Beziehungen sprechen.
Eines dieser Videos, in dem ihr Vater sie nach ihrem Sexualleben fragte, wurde viral. Während manche Zuschauer die Offenheit der beiden als unangenehm empfanden, schätzten viele andere die ungewöhnlich direkte Kommunikation.
Tonen selbst macht jedoch einen entscheidenden Unterschied: Obwohl sie ein enges Verhältnis zu ihrem Vater hat und offen mit ihm sprechen kann, bezeichnet sie nicht ihn, sondern eine andere Person als ihren besten Freund. Mit diesem teilt sie nach eigener Aussage fast alles.
Das Beispiel verdeutlicht einen wichtigen Punkt: Vertrauen und Offenheit müssen nicht dazu führen, dass die Rollen von Eltern und Freunden verschwimmen. Ein Kind kann seine Eltern als sichere Ansprechpartner erleben und gleichzeitig seine engsten Freundschaften außerhalb der Familie haben.
Wenn Kinder die Gefühle der Eltern tragen
Besonders problematisch kann die Rollenverteilung werden, wenn ein Kind beginnt, sich für das emotionale Wohlbefinden eines Elternteils verantwortlich zu fühlen.
Tonen berichtet, dass sich ihre Beziehung zu ihren Eltern nach deren Scheidung veränderte. Als sie ungefähr 15 Jahre alt war, wurden die Gespräche offener und das Verhältnis entwickelte sich zu einer partnerschaftlicheren Beziehung.
Eine solche Entwicklung muss nicht problematisch sein. Pont warnt jedoch davor, wenn ein Kind dabei eine Verantwortung übernimmt, die eigentlich bei Erwachsenen liegt. Das kann beispielsweise nach einer Trennung passieren, wenn ein Kind versucht, die emotionale Lücke zu schließen, die durch den Weggang eines Partners entstanden ist.
Eltern oder Freunde: Was ist Parentifizierung?
In der Psychologie wird eine solche Rollenverschiebung als Parentifizierung bezeichnet. Dabei übernimmt ein Kind Aufgaben oder emotionale Verantwortung, die eigentlich einem Erwachsenen zukommen.
Das kann sich etwa darin äußern, dass ein Kind versucht, einen belasteten Elternteil zu trösten, dessen Einsamkeit auszugleichen oder sich für dessen emotionalen Zustand verantwortlich fühlt. Aus einer zunächst besonders engen Beziehung kann so eine ungesunde Umkehr der Rollen entstehen.
Für die Entwicklung des Kindes kann das problematisch sein, weil es nicht mehr ausschließlich die Rolle des Kindes einnehmen darf. Nähe zum Elternteil wird dann mit einer Verantwortung verbunden, die das Kind nicht tragen sollte.
Die wichtigste Grenze liegt bei der Verantwortung
Eine vertrauensvolle Eltern-Kind-Beziehung ist deshalb keineswegs das Problem. Im Gegenteil: Dass Kinder mit ihren Eltern über Angst, Konflikte, Beziehungen oder andere persönliche Themen sprechen können, kann eine wichtige Grundlage für Sicherheit und Vertrauen sein.
Die Grenze verläuft vielmehr dort, wo das Kind die emotionale Verantwortung eines Erwachsenen übernimmt. Eltern können ihren Kindern zuhören, sie ernst nehmen und persönliche Gespräche führen, ohne daraus eine Freundschaft auf Augenhöhe zu machen.
Für Eltern bedeutet das: Nähe ist erwünscht, Rollenverwechslung nicht. Kinder brauchen Menschen, denen sie vertrauen können – und zugleich Erwachsene, die bereit sind, Erwachsene zu bleiben.
Eltern oder Freunde: Warum diese Grenze für die Entwicklung wichtig ist
Die zunehmende Offenheit zwischen Eltern und Kindern ist eine wichtige Veränderung moderner Erziehung. Sie ermöglicht Kindern, Gefühle und Probleme anzusprechen, statt sie allein bewältigen zu müssen.
Gleichzeitig brauchen Kinder Orientierung und einen geschützten Rahmen. Nach Steven Pont besteht die Herausforderung deshalb nicht darin, zwischen strenger Distanz und Freundschaft zu wählen, sondern eine Beziehung zu schaffen, in der beides seinen Platz hat: emotionale Nähe und klare Verantwortungsgrenzen.
Wenn Kinder älter werden, kann sich das Verhältnis zunehmend auf Augenhöhe entwickeln. Die eigentliche Freundschaft muss dabei nicht erzwungen werden. Sie kann später entstehen – wenn das Kind erwachsen ist und die Rollen sich tatsächlich verändert haben.
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