Deal mit IG Metall: Dresdner EFW stoppt Einführung der 35-Stunden-Woche
Dresden – Die 35-Stunden-Woche galt lange als Symbol für bessere Arbeitsbedingungen in der deutschen Industrie. Bei den Elbe Flugzeugwerken (EFW) in Dresden kommt sie nun vorerst nicht. Das Unternehmen und die IG Metall haben sich angesichts einer schwierigen Auftragslage auf einen ungewöhnlichen Deal verständigt: Rund 2.000 Beschäftigte behalten zunächst die 38-Stunden-Woche, erhalten dafür aber eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2030. Für die deutsche Industrie könnte die Vereinbarung ein Signal sein, wie Unternehmen und Gewerkschaften in einer Krise Arbeitszeitverkürzung und Beschäftigungsschutz miteinander verbinden können.
35-Stunden-Woche wird vorerst gestoppt
Eigentlich war die Einführung längst beschlossen. Bereits 2023 hatte der Konzern einer Forderung der IG Metall zugestimmt, die Arbeitszeit bei gleichem Lohn auf 35 Stunden pro Woche zu reduzieren. Als Starttermin war der 1. Januar 2026 vorgesehen.
Doch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen änderten sich. Die Einführung wurde zunächst zweimal verschoben und ist nun vorerst vollständig gestoppt.
Der Grund liegt vor allem in der schwierigen Auftragslage der Elbe Flugzeugwerke. Das Unternehmen beschäftigt rund 2.000 Menschen am Dresdner Flughafen und ist unter anderem auf die Umrüstung und Wartung von Flugzeugen spezialisiert.
EFW stellt beispielsweise Fußböden für Airbus her, wartet Airbus-A380-Maschinen und baut ausgemusterte Passagierflugzeuge zu Frachtmaschinen um. Gerade bei diesen Umrüstungen steht der Standort jedoch vor einem erheblichen Problem.
Keine Aufträge für die Umrüstung im kommenden Jahr
Die Lieferprobleme von Airbus und Boeing haben Auswirkungen, die bis nach Dresden reichen. Weil neue Flugzeuge teilweise nicht rechtzeitig ausgeliefert werden können, behalten Fluggesellschaften ältere Maschinen länger in ihren Flotten.
Damit sinkt der Bedarf an der Umrüstung ausgemusterter Passagiermaschinen. Für EFW bedeutet das eine besonders schwierige Situation: Für das kommende Jahr gibt es nach den vorliegenden Angaben keinen einzigen Auftrag in diesem Bereich.
Das Unternehmen muss deshalb nach Möglichkeiten suchen, die Beschäftigten anderweitig einzusetzen.
Rund 100 Mitarbeiter konnten vorübergehend an andere Unternehmen verliehen werden. Weitere Beschäftigte wurden innerhalb des Unternehmens in andere Bereiche versetzt. Unter anderem wurde eine zweite Wartungslinie aufgebaut.
Damit ist jedoch das grundlegende Problem der höheren Kosten nicht gelöst.
Warum die Arbeitszeitverkürzung zum Problem wird
Die geplante 35-Stunden-Woche hätte für die Beschäftigten einen erheblichen Vorteil bedeutet: weniger Arbeitszeit bei gleichem Lohn.
Für EFW hätte dies gleichzeitig bedeutet, dass die Kosten je Arbeitsstunde steigen. In einer Situation, in der Aufträge knapp sind und internationale Konkurrenz besteht, kann genau das zum Wettbewerbsnachteil werden.
Die Rechnung des Unternehmens ist deshalb vergleichsweise einfach: Wenn die Produktionskosten nicht zusätzlich durch eine kürzere Arbeitszeit steigen, kann der Standort bei künftigen Ausschreibungen wettbewerbsfähiger sein.
Aufträge, die andernfalls möglicherweise ins Ausland vergeben würden, könnten so in Dresden gehalten oder neu gewonnen werden.
Die Beschäftigten haben diesem Kurs zugestimmt. Rund drei Viertel der Belegschaft votierten für die Vereinbarung.
Beschäftigungsgarantie statt sofortiger Arbeitszeitverkürzung
Im Mittelpunkt des Deals steht eine Gegenleistung, die für die Beschäftigten besonders wichtig ist: die Beschäftigungssicherung bis Ende 2030.
EFW-Geschäftsführer Kai Mielenz erklärte, die 35-Stunden-Woche solle erst dann eingeführt werden, „wenn wir sie uns leisten können“. Im Gegenzug erhalten die Mitarbeiter die langfristige Beschäftigungsgarantie.
Auch die Gewerkschaft sieht darin einen sinnvollen Kompromiss.
IG-Metall-Bevollmächtigter Stefan Ehly bezeichnete die Vereinbarung als die richtige Antwort auf die Situation bei EFW. Es gehe vor allem darum, Arbeitsplätze abzusichern.
Damit wird aus dem ursprünglich geplanten Modell einer festen Arbeitszeitverkürzung ein flexibles System, das sich an der wirtschaftlichen Entwicklung des Standorts orientiert.
Ein Stufenplan entscheidet über die 35-Stunden-Woche
Ganz aufgegeben ist das Ziel einer 35-Stunden-Woche damit nicht. Stattdessen wurde ein Stufenmodell vereinbart.
Entscheidend ist eine Finanzkennzahl für den Dresdner Standort. Wird diese in den kommenden Jahren erreicht, reduziert sich die Arbeitszeit schrittweise.
Zunächst bleibt es bei der 38-Stunden-Woche. Dafür erhalten die Beschäftigten zusätzliche Urlaubstage.
Verbessert sich die wirtschaftliche Lage, könnte im folgenden Jahr die Arbeitszeit auf 37 Stunden sinken. In einem weiteren erfolgreichen Jahr wären 36 Stunden möglich. Nach einem dritten erfolgreichen Jahr könnte schließlich die 35-Stunden-Woche erreicht werden.
Die Entwicklung ist damit unmittelbar an die wirtschaftliche Situation des Unternehmens gekoppelt.
Parallel dazu werden die zusätzlichen Urlaubstage wieder reduziert, sobald die reguläre Arbeitszeit sinkt.
Was der EFW-Deal für die deutsche Industrie bedeutet
Die Vereinbarung ist bemerkenswert, weil sie einen Konflikt berührt, der viele Industrieunternehmen beschäftigt: Wie lässt sich eine Verkürzung der Arbeitszeit finanzieren, wenn gleichzeitig die internationale Konkurrenz wächst und die Auftragslage unsicher ist?
Die 35-Stunden-Woche ist in Teilen der deutschen Industrie ein langjähriges tarifpolitisches Ziel. Gleichzeitig stehen Unternehmen unter Kostendruck und müssen ihre Produktion international wettbewerbsfähig halten.
Der Dresdner Deal versucht, beide Interessen miteinander zu verbinden. Die Beschäftigten erhalten zunächst nicht die versprochene Arbeitszeitverkürzung, dafür aber eine längerfristige Perspektive für ihre Arbeitsplätze.
Für EFW wiederum bedeutet die Vereinbarung, dass der Standort zunächst mit den bisherigen Arbeitszeitkosten kalkulieren kann. Sollte sich das Geschäft erholen, profitieren die Mitarbeiter schrittweise von der ursprünglich vorgesehenen Arbeitszeitverkürzung.
Ein Modell mit möglichem Vorbildcharakter
Nach Angaben von Gewerkschaft und Unternehmensführung handelt es sich um ein bundesweit bislang einmaliges Abkommen dieser Art.
Ob das Modell tatsächlich Vorbild für andere Unternehmen werden kann, hängt allerdings von den jeweiligen wirtschaftlichen Bedingungen ab. Nicht jedes Unternehmen verfügt über dieselben Tarifstrukturen, Auftragszyklen oder Möglichkeiten, Beschäftigte innerhalb des Betriebs einzusetzen.
Der Fall EFW zeigt jedoch, wie stark sich die Debatte über Arbeitszeit in der deutschen Industrie verändert. Die Frage lautet nicht mehr ausschließlich, wann Beschäftigte weniger arbeiten können. Zunehmend geht es auch darum, wie Arbeitszeitverkürzung mit Beschäftigungssicherung und internationaler Wettbewerbsfähigkeit vereinbar bleibt.
Für die rund 2.000 Beschäftigten in Dresden steht deshalb zunächst ein anderes Ziel im Vordergrund: ihre Arbeitsplätze zu sichern. Die 35-Stunden-Woche bleibt bestehen – allerdings nicht als sofortiger Anspruch, sondern als Ziel, das sich der Standort wirtschaftlich erst wieder erarbeiten muss.
Mehr zum Thema „Deutschland„






