Studie zeigt auffälliges Ost-West-Gefälle bei der Angst vor Kriminalität
In Sachsen-Anhalt sowie in weiten Teilen Sachsens und in Berlin ist die Angst vor Kriminalität einer neuen Auswertung zufolge besonders groß. Die Menschen dort schätzen ihr persönliches Risiko, innerhalb eines Jahres Opfer einer Straftat zu werden, im bundesweiten Vergleich am höchsten ein. Bemerkenswert ist dabei der Unterschied zwischen subjektiver Wahrnehmung und tatsächlicher Kriminalitätsbelastung: Laut dem Münchner Ifo-Institut hängt die Angst vor Verbrechen nur begrenzt mit der tatsächlich registrierten Zahl von Straftaten zusammen.
Angst vor Kriminalität ist regional sehr unterschiedlich
Die Untersuchung des Ifo-Instituts zeigt deutliche regionale Unterschiede beim Sicherheitsempfinden der Bevölkerung. Besonders hoch ist die Kriminalitätsfurcht demnach in Sachsen-Anhalt, in großen Teilen Sachsens und in Berlin.
Die Befragten wurden unter anderem danach gefragt, wie hoch sie das Risiko einschätzen, in den kommenden zwölf Monaten selbst Opfer eines Verbrechens zu werden. Berücksichtigt wurden verschiedene Formen von Kriminalität – darunter Wohnungseinbruch, Diebstahl, Körperverletzung und sexuelle Gewalt.
Auch Hasskriminalität sowie digitaler Identitätsdiebstahl flossen in die Betrachtung ein.
Die Datengrundlage stammt aus einer Befragung von rund 5200 Menschen aus dem Jahr 2022. Das Ifo-Institut wertete die Angaben nun regional aus und verglich das subjektive Sicherheitsempfinden verschiedener Bevölkerungsgruppen und Regionen.
Dabei zeigt sich ein Muster, das nicht vollständig mit den tatsächlichen Kriminalitätszahlen übereinstimmt.
Schleswig-Holstein zeigt den überraschenden Gegenpol
Besonders auffällig ist der Vergleich zwischen Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein.
Während Menschen in Sachsen-Anhalt die Gefahr, Opfer einer Straftat zu werden, vergleichsweise hoch einschätzen, ist die Angst in Schleswig-Holstein besonders niedrig.
Dabei unterscheiden sich die beiden Länder bei der tatsächlichen Kriminalitätsbelastung laut der Studie deutlich weniger als beim subjektiven Sicherheitsempfinden. Beide kommen auf ungefähr 8000 Straftaten je 100.000 Einwohner.
Studienautor Grega Ferenc beschreibt diesen Unterschied als bemerkenswert.
„So ist die Furcht vor Kriminalität in Schleswig-Holstein sehr gering, während sie in Sachsen-Anhalt erstaunlich hoch ist, obwohl beide Länder mit etwa 8.000 Straftaten je 100.000 Einwohner in etwa vergleichbare Kriminalitätszahlen haben.“
Damit liefert die Untersuchung einen wichtigen Hinweis für die öffentliche Sicherheitsdebatte: Die Zahl der registrierten Straftaten allein erklärt nicht, wie sicher oder unsicher sich Menschen fühlen.
Bildung beeinflusst das Sicherheitsempfinden
Neben regionalen Unterschieden stellte das Ifo-Institut auch Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen fest.
Menschen mit einem niedrigeren Bildungsabschluss haben der Auswertung zufolge durchschnittlich mehr Angst vor Kriminalität. Mit zunehmendem Bildungsniveau nimmt die Kriminalitätsfurcht tendenziell ab.
Ein deutlicher Unterschied zwischen Männern und Frauen wurde dagegen nicht festgestellt.
Das Ergebnis ist insofern interessant, weil öffentliche Diskussionen über Kriminalitätsangst häufig davon ausgehen, dass Frauen grundsätzlich deutlich größere Sorgen vor Straftaten haben als Männer. Die vorliegende Auswertung bestätigt einen solchen generellen Unterschied jedoch nicht.
Die Ergebnisse zeigen stattdessen, dass Faktoren wie Bildung und Wohnregion eine wichtige Rolle für das subjektive Sicherheitsempfinden spielen können.
Wenn Angst und Realität auseinandergehen
Die zentrale Erkenntnis der Untersuchung liegt jedoch in der begrenzten Verbindung zwischen tatsächlicher Kriminalität und Kriminalitätsfurcht.
Menschen können sich in einer Region besonders unsicher fühlen, obwohl die Zahl der registrierten Straftaten nicht außergewöhnlich hoch ist. Umgekehrt kann eine Region mit vergleichbaren oder höheren Kriminalitätszahlen ein deutlich größeres Sicherheitsgefühl vermitteln.
Das bedeutet nicht, dass die Sorgen der Bevölkerung unbegründet sind. Das subjektive Sicherheitsempfinden ist selbst ein wichtiger Bestandteil der Lebensqualität.
Wer sich auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder abends auf der Straße unsicher fühlt, erlebt diese Einschränkung unabhängig davon, wie hoch das statistische Risiko tatsächlich ist.
Für Politik und Sicherheitsbehörden entsteht daraus eine doppelte Aufgabe: Sie müssen reale Kriminalität bekämpfen und gleichzeitig verstehen, warum Menschen ihre Umgebung als unsicher wahrnehmen.
Warum Ostdeutschland besonders auffällt
Dass Sachsen-Anhalt und Teile Sachsens bei der Kriminalitätsfurcht besonders stark auffallen, macht die Ergebnisse auch politisch relevant.
Gerade in Regionen, in denen das subjektive Sicherheitsgefühl deutlich stärker ausgeprägt ist als es die tatsächlichen Kriminalitätszahlen erwarten lassen würden, können Debatten über innere Sicherheit eine besondere Bedeutung bekommen.
Die Studie liefert allerdings keine einfache Erklärung dafür, warum die Angst in bestimmten Regionen größer ist.
Fest steht lediglich, dass die Unterschiede nicht vollständig durch die registrierte Kriminalität erklärt werden können. Faktoren wie individuelle Lebensumstände, Bildungsniveau und regionale Wahrnehmungen könnten eine Rolle spielen.
Ein unterschätzter Faktor: das Gefühl von Sicherheit
Die Untersuchung macht damit einen Unterschied sichtbar, der in der Kriminalitätsdebatte leicht verloren geht: Sicherheit und das Gefühl von Sicherheit sind nicht dasselbe.
Statistiken können zeigen, wie viele Straftaten registriert wurden. Sie sagen aber nur begrenzt etwas darüber aus, wie sicher sich die Menschen in ihrem Alltag fühlen.
Für Bürgerinnen und Bürger ist beides relevant. Eine niedrige Kriminalitätsrate kann wenig beruhigen, wenn Menschen bestimmte Orte meiden oder befürchten, selbst Opfer einer Straftat zu werden.
Umgekehrt kann eine vergleichsweise hohe Zahl registrierter Delikte mit einem relativ starken Sicherheitsgefühl einhergehen.
Der Vergleich zwischen Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein verdeutlicht dieses Spannungsfeld besonders eindrucksvoll.
Was die Ergebnisse für Deutschland bedeuten
Für die Politik bedeutet das Ergebnis, dass Maßnahmen gegen Kriminalität allein möglicherweise nicht ausreichen. Wenn das subjektive Sicherheitsgefühl deutlich von der tatsächlichen Gefahrenlage abweicht, muss auch untersucht werden, wie Menschen Informationen über Kriminalität wahrnehmen und welche Erfahrungen ihren Alltag prägen.
Dabei geht es nicht darum, Ängste als unbegründet abzutun. Vielmehr können objektive Kriminalitätsdaten und subjektive Wahrnehmung gemeinsam betrachtet werden.
Die Studie zeigt jedenfalls, dass Deutschland beim Thema Sicherheit kein einheitliches Bild abgibt. Zwischen einzelnen Regionen bestehen erhebliche Unterschiede – und diese lassen sich nicht allein durch die Zahl der Straftaten erklären.
Gerade deshalb ist die Erkenntnis des Ifo-Instituts relevant: Wer über Kriminalität spricht, sollte nicht nur fragen, wie viele Straftaten passieren, sondern auch, warum sich Menschen unterschiedlich sicher fühlen.
Der Vergleich zwischen Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein liefert dafür ein besonders deutliches Beispiel.
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