Russland-Spaltung flammt wieder auf: AfD führt in Sachsen-Anhalt
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird auch zu einem Test für den Umgang mit Russland. Umfragen sehen die AfD vor der Abstimmung am Sonntag in einer starken Position; erstmals könnte sie auf Landesebene stärkste Kraft werden. Hinter dem politischen Streit über Waffenlieferungen, Sanktionen und Energiebeziehungen zu Moskau stehen dabei Erfahrungen, die in Teilen Ostdeutschlands bis in die DDR-Zeit zurückreichen. Für die Bundespolitik ist das brisant: Die Frage, wie Deutschland auf Russland reagieren soll, berührt längst nicht mehr nur Außenpolitik, sondern auch Vertrauen in Regierung, wirtschaftliche Zukunft und die politische Identität vieler Menschen.

Russland-Spaltung wird im Osten wieder sichtbar
In Naumburg ist die Erinnerung an die sowjetische Präsenz noch immer Teil des Stadtbildes und der persönlichen Biografien. Jahrzehntelang gehörten russischsprachige Soldaten, Kasernen und Militärfahrzeuge zum Alltag.
Der Weinhändler Rainer Huppenbauer beschreibt diese Erfahrung als eine Art Vertrautheit. Die Menschen in der DDR hätten gelernt, mit den sowjetischen Truppen zu leben. Daraus folge für ihn nicht automatisch eine prorussische Haltung, sondern vielmehr eine Skepsis gegenüber einer Politik, die Russland ausschließlich als Bedrohung darstelle.
„Die DDR-Bürger haben gelernt, mit den Russen zu leben. Denn das ist besser, als gegen sie zu kämpfen“, sagt Huppenbauer.
Diese Haltung gewinnt vor der Wahl neue Bedeutung. Die Bundesregierung macht Russland für einen versuchten Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle sowie für Spionage und weitere verdeckte Angriffe auf Infrastruktur verantwortlich.
Gleichzeitig fordert die AfD eine grundlegende Veränderung der deutschen Russlandpolitik.
Die Partei verlangt ein Ende der deutschen Unterstützung für die Ukraine und spricht sich für eine Wiederaufnahme wirtschaftlicher Beziehungen mit Moskau aus. Dazu gehören insbesondere Energiebeziehungen, die Deutschland bis zum Stopp russischer Lieferungen im Jahr 2022 mit Öl und Gas versorgt hatten.
In ihrem Programm fordert die AfD außerdem einen Ausbau des Russischunterrichts an Schulen und betont ihr Interesse an guten wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zu Russland.
Russland-Spaltung: Warum die AfD in Sachsen-Anhalt stark ist
Der Streit über Russland ist jedoch nur ein Teil der Erklärung für die Stärke der AfD.
In Sachsen-Anhalt treffen mehrere Erfahrungen aufeinander: die wirtschaftlichen Umbrüche nach der Wiedervereinigung, ein weiterhin großer Abstand beim Vermögen zwischen Ost und West und das Gefühl, dass politische Entscheidungen in Berlin die Lebensrealität vor Ort nicht ausreichend berücksichtigen.
Silke Satjukow, Professorin für Neuere Geschichte an der Universität Halle-Wittenberg, verweist auf die besondere historische Prägung Ostdeutschlands. In der DDR sei die Sowjetunion über Jahrzehnte als „Freund“ vermittelt worden.
Diese politische Sozialisation verschwand nicht mit dem Ende der DDR.
In Naumburg lebten zeitweise nach Angaben von Bürgermeister Armin Müller rund 30.000 sowjetische Soldaten – ungefähr so viele wie Einwohner. Für eine ganze Generation war die sowjetische Präsenz damit keine abstrakte außenpolitische Frage, sondern unmittelbarer Alltag.
Heute ist diese Welt verschwunden. Die Erinnerung daran besteht jedoch fort.
Der wirtschaftliche Bruch nach der Wiedervereinigung
Hinzu kommt eine zweite Erfahrung: der wirtschaftliche Umbruch nach 1989.
Ende 1989 hatten in der DDR rund 9,8 Millionen der damals etwa 16 Millionen Einwohner Arbeit. Zehn Jahre später hatte sich diese Zahl halbiert.
Besonders stark war der Einschnitt in Sachsen-Anhalt. Die Arbeitslosenquote erreichte dort 2003 rund 22 Prozent. Heute liegt sie bei etwa 8 Prozent.
Die wirtschaftliche Entwicklung hat sich damit deutlich verbessert. Dennoch bestehen Unterschiede beim Wohlstand fort.
Nach Angaben des Wettbewerbsfähigkeitsberichts Ostdeutschland 2026 verfügen Menschen im Osten Deutschlands im Durchschnitt weiterhin nur über etwa ein Viertel des Vermögens der Westdeutschen.
Für politische Parteien ist diese Geschichte wichtig. Wer über Russland spricht, spricht für viele Menschen deshalb gleichzeitig über Energiepreise, Arbeitsplätze, wirtschaftliche Sicherheit und die Frage, ob die Politik aus Berlin ihre Interessen ausreichend berücksichtigt.
Russland-Spaltung: „Verlorene Jobs – verlorene Identität?“
Stefan Zimmerer, Jahrgang 1967 und gebürtiger Naumburger, erlebte die Umbruchzeit unmittelbar. Im Herbst 1989 floh er in die westdeutsche Botschaft in Prag, kehrte nach dem Fall der Mauer jedoch wieder in seine Heimatstadt zurück.
Später beobachtete er, wie westdeutsche Fachkräfte Institutionen und Unternehmen übernahmen und Ostdeutsche ihre Arbeitsplätze verloren.
Diese Erfahrungen wirken seiner Einschätzung nach bis heute nach.
Zimmerer kritisiert insbesondere die politische Etikettierung von Menschen, die eine andere Russlandpolitik befürworten. Viele Ostdeutsche hätten es satt, entweder als Putin-Freunde, Nazis oder undankbare AfD-Wähler abgestempelt zu werden.
„Man wird sofort in eine Schublade gesteckt, die Leute reden nicht mehr miteinander, und niemand traut sich mehr, das Problem anzusprechen“, sagt Zimmerer.
Damit beschreibt er eine politische Dynamik, die über die konkrete Russlandfrage hinausgeht: Die Auseinandersetzung über den Krieg in der Ukraine wird zugleich zu einer Auseinandersetzung über gesellschaftliche Zugehörigkeit.
Energie als Schlüssel zur Russlandfrage
Besonders emotional ist die Debatte dort, wo Russlandpolitik mit Energie verbunden wird.
Vor dem russischen Angriff auf die Ukraine war Deutschland stark von russischen Öl- und Gaslieferungen abhängig. Für Teile der Bevölkerung steht diese Zeit rückblickend für eine Phase vergleichsweise günstiger Energie und wirtschaftlicher Stabilität.
Die Vorstellung, eine Entspannung mit Moskau könne diese Bedingungen zurückbringen, ist deshalb politisch attraktiv.
Allerdings handelt es sich dabei um eine Hoffnung, nicht um eine gesicherte Perspektive. Eine Wiederherstellung der früheren Energiebeziehungen wird im vorliegenden Material nicht als beschlossene oder unmittelbar bevorstehende Entwicklung beschrieben.
Gerade deshalb ist die Russlandfrage im Wahlkampf so wirkungsvoll: Sie verbindet eine konkrete wirtschaftliche Erinnerung mit der gegenwärtigen Sorge um Lebenshaltungskosten und Zukunft.
Der Weinhändler Huppenbauer fasst diese Wahrnehmung so zusammen: „Wir halten sie in unserer Nähe, machen Geschäfte mit ihnen, kaufen ihr Öl und Gas, und alles bleibt wie vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine.“
Russland-Spaltung: Zwischen AfD und Berliner Regierung
Für die Bundesregierung ist die Entwicklung in Sachsen-Anhalt politisch heikel.
Die Bundesregierung unter Friedrich Merz betrachtet Russland als sicherheitspolitische Bedrohung und hat ihre Verteidigungspolitik entsprechend verändert. Der deutsche Staat hat seine Verteidigungsausgaben und die militärischen Fähigkeiten der Bundeswehr in den Mittelpunkt einer neuen sicherheitspolitischen Debatte gestellt.
Die AfD vertritt dagegen eine grundsätzlich andere Position. Sie lehnt die bisherige Russlandpolitik ab und fordert eine Rückkehr zu wirtschaftlicher und politischer Entspannung.
Damit stehen sich zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen gegenüber.
Auf der einen Seite steht die Einschätzung, dass Russland durch Sanktionen, militärische Unterstützung der Ukraine und eine Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeit abgeschreckt werden müsse.
Auf der anderen Seite steht die Überzeugung, dass Konfrontation die Sicherheitslage verschärfe und Deutschland langfristig besser mit Russland verhandeln sollte.
Die Landtagswahl macht diesen Gegensatz sichtbar, weil Außenpolitik und regionale Alltagserfahrungen miteinander verschmelzen.
Warum die Wahl über Sachsen-Anhalt hinausweist
Die Bedeutung der Abstimmung reicht deshalb über Magdeburg hinaus.
Sollte die AfD tatsächlich stärkste Kraft werden, würde dies den Druck auf die anderen Parteien erhöhen, ihre Strategie im Umgang mit der Partei und deren Russlandpolitik zu erklären.
Gleichzeitig könnte das Wahlergebnis eine Debatte verschärfen, die bereits bundesweit geführt wird: Wie viel Konfrontation mit Moskau ist notwendig, und wo beginnt eine Politik, die aus Sicht ihrer Kritiker wirtschaftliche und gesellschaftliche Kosten verursacht?
Für die CDU stellt sich dabei eine besonders schwierige Aufgabe. Sie muss Sicherheitspolitik gegenüber Russland vertreten und gleichzeitig Wähler erreichen, die eine härtere Linie gegenüber Moskau ablehnen.
Der Konflikt lässt sich deshalb nicht allein als Ost-West-Gegensatz erklären.
Auch innerhalb Ostdeutschlands existieren unterschiedliche Perspektiven. Die historische Nähe zur Sowjetunion bedeutet nicht automatisch Unterstützung für das heutige Russland. Ebenso wenig bedeutet eine kritische Haltung gegenüber der Bundesregierung automatisch Sympathie für Moskau.
Eine politische Bruchlinie mit langer Geschichte
Die Entwicklung in Sachsen-Anhalt zeigt vor allem, wie langlebig politische Erfahrungen sein können.
Mehr als drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR beeinflussen Erinnerungen an die sowjetische Besatzungszeit, die wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung und die heutige Sicherheitslage weiterhin die politische Debatte.
Für manche Menschen steht Russland für eine vertraute Vergangenheit. Für andere ist Moskau vor allem die Macht, die den Krieg gegen die Ukraine führt und Deutschland zunehmend mit hybriden Angriffen und Spionage herausfordert.
Beide Wahrnehmungen treffen im aktuellen Wahlkampf aufeinander.
Die eigentliche Frage ist deshalb größer als die nach der Russlandpolitik einer einzelnen Partei. Es geht um das Vertrauen in die politische Richtung Deutschlands und um die Frage, ob sich Menschen im Osten von der Bundespolitik ausreichend gesehen fühlen.
Was nach der Wahl entscheidend werden könnte
Die Landtagswahl wird diese gesellschaftliche Spannung nicht automatisch lösen. Sie könnte sie jedoch deutlich sichtbarer machen.
Sollte die AfD stark abschneiden, dürfte die Diskussion über Russland, Ukraine-Hilfe, Energiepolitik und den Umgang mit der Partei weiter an Bedeutung gewinnen. Für die etablierten Parteien wird dann entscheidend sein, ob sie die Sorgen der Wähler aufnehmen können, ohne historische Erfahrungen zu vereinfachen oder außenpolitische Risiken auszublenden.
Die Russland-Spaltung ist damit nicht nur eine Frage der Außenpolitik. Sie ist auch ein Spiegel der unterschiedlichen Erfahrungen, Erwartungen und Zukunftsängste innerhalb Deutschlands.
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