Wang Yi fordert Südkorea zu strategischer Autonomie zwischen China und den USA auf
Chinas Außenminister Wang Yi hat Südkorea bei einem Besuch in Seoul aufgefordert, sich nicht zwischen China und den Vereinigten Staaten zu positionieren und seine Beziehungen zu Peking weiter auszubauen. Bei Gesprächen mit dem südkoreanischen Nationalen Sicherheitsberater Wi Sung-lac und Präsident Lee Jae-myung verband Wang die Forderung mit einem Appell an Washington, seine aus chinesischer Sicht „feindselige“ Politik gegenüber Nordkorea aufzugeben. Die Botschaft kommt zu einem Zeitpunkt wachsender Spannungen auf der koreanischen Halbinsel: US-Präsident Donald Trump kündigte ein mögliches Treffen mit Kim Jong Un an, während Nordkorea nach Angaben Japans erneut ein mutmaßlich ballistisches Geschoss abfeuerte.
Wang Yi verlangt von Seoul strategische Autonomie
Wang Yi traf am 20. August in Seoul mit dem südkoreanischen Nationalen Sicherheitsberater Wi Sung-lac zusammen und führte anschließend Gespräche mit Präsident Lee Jae-myung. Nach Angaben der staatlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua stellte der chinesische Außenminister dabei die Forderung nach einer eigenständigeren südkoreanischen Außenpolitik in den Mittelpunkt.
China hoffe, dass Südkorea „echte strategische Autonomie“ erlange und keine Seite in den Konflikten zwischen den Großmächten ergreife, berichtete Xinhua. Seoul solle demnach parallele und konfliktfreie Beziehungen zu China und den Vereinigten Staaten entwickeln.
Für Südkorea ist diese Forderung politisch heikel. Das Land ist sicherheitspolitisch eng mit Washington verbunden, während China wirtschaftlich zu den wichtigsten Partnern gehört. Seoul muss deshalb regelmäßig zwischen sicherheitspolitischen Verpflichtungen gegenüber den USA und wirtschaftlichen Interessen gegenüber China abwägen.
Wang stellte zugleich die Beziehungen zwischen Peking und Seoul positiv dar. Bei seinem Gespräch mit Präsident Lee bezeichnete er die bilateralen Beziehungen laut Xinhua als „vollständig erholt“ und erklärte, sie hätten im laufenden Jahr positive Fortschritte gemacht.
China will engere Wirtschaftsbeziehungen zu Südkorea
Neben der Sicherheitspolitik legte Wang Yi einen deutlichen Schwerpunkt auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Er forderte demnach einen baldigen Abschluss der zweiten Phase der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen China und Südkorea.
Wangs Argumentation zielt auf eine Weltwirtschaft, die aus chinesischer Sicht zunehmend fragmentiert ist. Angesichts wachsender Handelsbarrieren und eines stärkeren Protektionismus sollten China und Südkorea die regionale wirtschaftliche Integration vorantreiben.
Für Seoul ist das von erheblicher Bedeutung. Die südkoreanische Wirtschaft ist stark vom internationalen Handel abhängig und zugleich in strategisch wichtigen Branchen eng mit den USA und China verflochten. Dazu gehören unter anderem Technologie, Industrieproduktion und Lieferketten.
Wang bezeichnete laut Xinhua eine rationale, pragmatische und proaktive Politik gegenüber China als im Interesse Südkoreas. Damit verbindet Peking seine wirtschaftlichen Angebote unmittelbar mit der außenpolitischen Forderung nach größerer Distanz zu einer eindeutigen Blockbildung.
Nordkorea bleibt zentraler Streitpunkt
Besonders deutlich wurde Wangs außenpolitische Botschaft bei seinen Äußerungen zur koreanischen Halbinsel. Nach Darstellung des chinesischen Außenministers liegt die grundlegende Lösung der Spannungen darin, die Ursachen des Problems anzugehen und die USA dazu zu bewegen, ihre feindselige Politik gegenüber Nordkorea aufzugeben.
China begrüße zugleich eine Entwicklung hin zu friedlicher Koexistenz zwischen Seoul und Pjöngjang, erklärte Wang gegenüber Wi Sung-lac. Er rief zur Wiederaufnahme des Dialogs und zur Wiederherstellung des gegenseitigen Vertrauens auf.
Damit vertritt Peking eine Position, die sich von der amerikanischen Forderung nach einer vollständigen Denuklearisierung Nordkoreas unterscheidet. Pjöngjang weist diese Forderung weiterhin entschieden zurück.
Die Frage des nordkoreanischen Atomprogramms gewinnt zugleich durch die jüngsten Äußerungen Donald Trumps neue Brisanz. Der US-Präsident erklärte am 19. August, er plane bis Ende 2026 ein Treffen mit Kim Jong Un. Dabei sagte Trump nach den vorliegenden Angaben, Nordkorea verfüge über mehr als 57 „extrem starke“ Atomsprengköpfe.
Trump verwies außerdem auf seine nach eigenen Angaben sehr gute Beziehung zu Kim Jong Un, als er das Pentagon anwies, die Dauer gemeinsamer Militärübungen mit Südkorea zu verkürzen.
USA und China verfolgen unterschiedliche Strategien
Die unterschiedlichen Positionen zeigen, wie stark die koreanische Halbinsel inzwischen auch zum Schauplatz des strategischen Wettbewerbs zwischen Washington und Peking geworden ist.
Die USA setzen weiterhin auf die sicherheitspolitische Allianz mit Seoul und auf die Forderung nach einer Denuklearisierung Nordkoreas. China wiederum drängt Südkorea dazu, sich nicht eindeutig auf die Seite Washingtons zu stellen und stattdessen eine eigenständigere Position zwischen den Großmächten einzunehmen.
Für Präsident Lee Jae-myung entsteht daraus ein komplexer außenpolitischer Balanceakt. Eine engere Abstimmung mit Washington bleibt angesichts der Bedrohung durch Nordkorea sicherheitspolitisch bedeutsam. Gleichzeitig besitzt eine stabile Beziehung zu China für Handel und regionale Stabilität erhebliches Gewicht.
Ein neuer Test für Seouls Außenpolitik
Die kommenden Monate könnten deshalb zeigen, wie weit Seoul Wangs Forderung nach „strategischer Autonomie“ tatsächlich folgt. Entscheidend wird sein, ob Südkorea seine Beziehungen zu China wirtschaftlich vertiefen kann, ohne die sicherheitspolitische Partnerschaft mit den USA zu beschädigen.
Parallel dazu bleibt die Entwicklung in Nordkorea unberechenbar. Die japanische Regierung und die japanische Küstenwache teilten am 20. August mit, Nordkorea habe ein Objekt in Richtung Meer abgefeuert, bei dem es sich vermutlich um eine ballistische Rakete handelte.
Der Vorfall unterstreicht, wie schwierig die von China geforderte Entspannung derzeit ist. Während Peking für Dialog und friedliche Koexistenz wirbt, bleibt die militärische Bedrohung durch Nordkoreas Raketenprogramm bestehen.
Südkorea steht zwischen zwei Großmächten
Wangs Besuch macht deutlich, dass China seinen Einfluss auf die politische Ausrichtung Südkoreas verstärken will. Peking verbindet dabei wirtschaftliche Integration mit dem Appell, sich nicht in eine dauerhafte Konfrontation zwischen China und den USA hineinziehen zu lassen.
Für Seoul ist das keine einfache Entscheidung. Die sicherheitspolitische Abhängigkeit von den USA und die wirtschaftliche Bedeutung Chinas bilden zwei zentrale Säulen der südkoreanischen Außenpolitik.
Südkorea gehört zu den bedeutenden Industrie- und Technologiestandorten Asiens, während die Rivalität zwischen China und den USA globale Handels- und Lieferketten beeinflusst. Jede stärkere Blockbildung in Ostasien kann deshalb mittelbar auch europäische Unternehmen und Märkte betreffen.
Der Streit um Nordkorea ist damit längst mehr als ein regionaler Konflikt. Er ist Teil einer größeren geopolitischen Auseinandersetzung, in der Südkorea zunehmend entscheiden muss, wie viel strategische Eigenständigkeit zwischen Washington und Peking tatsächlich möglich ist.
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