Tausend Tage seit Beginn des Krieges in Gaza: Über 90 Prozent der Enklave zerstört
In Gaza hat sich der Beginn des israelischen Militäreinsatzes zum tausendsten Mal gejährt. Das staatliche Medienbüro in Gaza teilte mit, dass mehr als 90 Prozent des Gazastreifens zerstört wurden. Das Gesundheitsministerium in Gaza bezifferte die Zahl der Toten seit dem Waffenstillstand im Oktober auf 1.072. Die Gesamtopferzahl seit Oktober 2023 liegt bei 73.098.
Auch am Jahrestag hielten die Angriffe an. Israelische Streitkräfte töteten nach Angaben lokaler Quellen am 1. Juli mindestens drei Palästinenser bei einem Drohnenangriff nahe des Bahnhofs al-Hilu. In den folgenden Tagen kamen weitere Menschen ums Leben, darunter ein Kind in Shujayea und der zehnjährige Tareq Sabah nahe Khan Younis.
Tausend Tage Gaza: Humanitäre Lage und medizinische Not
Kranke und Verwundete protestierten vor dem al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt. Sie forderten die Aufhebung israelischer Reisebeschränkungen für medizinische Evakuierungen. Nach Angaben der Gesundheitsbehörden warten mehr als 20.000 Menschen auf eine Ausreise über den Grenzübergang Rafah.
Elyas Abu Safiya, Sohn des Direktors des Kamal-Adwan-Krankenhauses, berichtete von der kritischen Lage seines Vaters Dr. Hussam Abu Safiya. Dieser befindet sich seit mehr als 555 Tagen in israelischer Haft. Sein Gesundheitszustand verschlechtere sich rapide, teilte der Sohn am Sonntag mit. Der Anwalt habe nach einem Besuch von Atem- und Sprechbeschwerden sowie Folterspuren berichtet.
Die UN-Arbeitsgruppe für willkürliche Inhaftierungen forderte die sofortige Freilassung von Dr. Abu Safiya. Sie begründete dies mit Verstößen gegen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und den Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte.
Machtübergabe und Pläne für den Wiederaufbau
Unterdessen mehren sich Anzeichen für eine formelle Machtübergabe in Gaza. Im zypriotischen Ayia Napa trafen sich Vertreter des von den USA geführten Friedensrates, darunter der ehemalige britische Premierminister Tony Blair. Sie berieten über den vorübergehenden Wiederaufbau der von der Hamas kontrollierten Gebiete.
Die von der Hamas geführte Regierung kündigte ihren Rücktritt und die Übergabe der Macht an ein Expertengremium des Friedensrates an. Dies geschieht im Kontext des Plans von US-Präsident Donald Trump. Die praktische Umsetzung steht jedoch noch aus.
Ali Shath, Leiter des technokratischen Nationalen Komitees für die Verwaltung des Gazastreifens, erklärte, sein Gremium sei bereit, Verantwortung zu übernehmen, sobald einheitliche Regierungsgewalt und Voraussetzungen wie die Entwaffnungsfrage geklärt seien. Der Friedensrat äußerte zudem, dass das UN-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) im neuen Gaza keinen Platz habe. Die palästinensische Seite wies dies als Ausblendung der Flüchtlingsfrage zurück.
Siedlungsausbau und Annexion im Westjordanland
Parallel zur Lage in Gaza treibt Israel den Siedlungsausbau im besetzten Westjordanland voran. Am Sonntag legte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu den Grundstein für ein neues „Kulturerbezentrum“ auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Qalandia nördlich von Ostjerusalem. Das Projekt gehört zum Siedlungsplan Atarot.
Drei Tage zuvor genehmigte das israelische Sicherheitskabinett 13 neue Siedlungen im Binyamin-Block entlang der Route 60 und Richtung Jordantal. Das Ziel sei die Abtrennung Ostjerusalems von seinem palästinensischen Umland.
Daten des Palästinensischen Forums für Israelstudien belegen einen starken Anstieg illegaler Außenposten: Von durchschnittlich etwa acht pro Jahr zwischen 2012 und 2022 auf 32 im Jahr 2023, 62 im Jahr 2024 und 86 im Jahr 2025. In dieser Woche entstanden neue Außenposten bei Kafr Ra’i nahe Jenin und bei al-Ma’azi nahe Jaba.
Die Regierung genehmigte zudem ein 27-Millionen-Schekel-Programm zur Erweiterung des Hotelgewerbes im Westjordanland. In Hebron sollen 142 archäologische Stätten von der Militär- in die Zivilverwaltung übergehen, darunter die Ibrahimi-Moschee. Finanzminister Bezalel Smotrich bezeichnete die Schritte als Beginn einer „Siedlungsrevolution“.
Einsatz von Checkpoints und Siedlergewalt
Im Westjordanland starb am Sonntagabend der vier Monate alte Ahmad Marouf Zeid an einem Herzstillstand. Israelische Soldaten hatten seine Familie stundenlang daran gehindert, einen Krankenwagen zu erreichen, berichtete die Gouverneurin von Ramallah, Laila Ghannam.
Ein dichtes Netz aus Toren und Kontrollpunkten behindert die Bewegungsfreiheit. In Sinjil wurden Zufahrten abgeriegelt, kurz nachdem große Flächen zu „Staatsland“ erklärt worden waren. Siedlergewalt ereignete sich unter dem Schutz israelischer Kräfte in Orten wie Jalud, Umm Safa, Masafer Yatta und nahe Nablus, wo ein Restaurant niedergebrannt wurde.
Israelische Streitkräfte zerstörten zudem einen Sportplatz in Battir, ein Wohnhaus in Tuqu und landwirtschaftliche Gebäude. Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) dokumentierte im Jahr 2026 bereits über 2.300 Vertreibungen im Westjordanland, darunter mehr als 1.000 Kinder.
Bedeutung für die Region und die internationale Gemeinschaft
Tausend Tage nach Beginn des Krieges zeigt sich eine Spirale aus Zerstörung, Vertreibung und Machtverschiebung. Die Entwicklungen in Gaza und dem Westjordanland werfen grundlegende Fragen zur Zukunft einer politischen Lösung auf. Während in Gaza Machtstrukturen neu geordnet werden sollen, schreitet der Siedlungsbau im Westjordanland voran und erschwert eine territoriale Kontinuität für die Palästinenser.
Die humanitäre Lage bleibt dramatisch. Viele Betroffene sehen in den anhaltenden Einschränkungen und der Gewalt ein System, das Alltag und Zukunftsperspektiven zerstört. Wie sich die angekündigten Machtübergaben und internationalen Pläne konkret auswirken werden, bleibt abzuwarten. Die Ereignisse dieser Woche unterstreichen die Dringlichkeit einer deeskalierenden und auf langfristige Stabilität ausgerichteten Politik.
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