Mychajlo Drapatyj wird neuer Oberbefehlshaber der Ukraine – Selenskyj setzt auf Reformkurs
Die Ukraine erhält eine neue militärische Führung. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat am Dienstagabend Mychajlo Drapatyj zum Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte ernannt. Er übernimmt das Amt von Oleksandr Syrskyj, dessen Führung zuletzt zunehmend in die Kritik geraten war. Der Personalwechsel folgt auf eine umfassende Kabinettsumbildung und soll nach Angaben des Präsidenten eine modernisierte Verteidigungsstrategie sowie die Fortsetzung eingeleiteter Militärreformen ermöglichen. Für Deutschland und andere europäische Partner ist die Entwicklung von Bedeutung, da die militärische Handlungsfähigkeit der Ukraine weiterhin eng mit der europäischen Sicherheitslage verknüpft ist.
Mychajlo Drapatyj übernimmt die Führung der ukrainischen Armee
Mit der Ernennung von Mychajlo Drapatyj vollzieht Präsident Selenskyj einen der wichtigsten personellen Wechsel innerhalb der ukrainischen Streitkräfte seit Beginn des russischen Angriffskrieges.
Nach Angaben des Präsidenten soll der General die laufenden Militärreformen fortführen und die Verteidigungsstrategie an die aktuellen Herausforderungen des Krieges anpassen. Oleksandr Syrskyj, der bisherige Oberbefehlshaber, scheidet aus dem Amt aus.
Dem Führungswechsel war bereits in der vergangenen Woche eine überraschende Regierungsumbildung vorausgegangen. Zwar blieben zahlreiche Minister unter dem neuen Premierminister Serhij Korezkyj im Amt, der bisherige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow wurde jedoch abgelöst.
An seine Stelle trat der bisherige Chef des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU, Jewhenij Chmara.
Richtungsstreit und Proteste erhöhten den politischen Druck
Der Wechsel an der Spitze der Streitkräfte erfolgte vor dem Hintergrund erheblicher Spannungen innerhalb der militärischen und politischen Führung.
Zwischen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow und Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj war es zuvor zu einem massiven Konflikt über die strategische Ausrichtung der Kriegsführung gekommen.
Die Entlassung Fedorows löste in Teilen der ukrainischen Bevölkerung Proteste aus. Demonstrierende forderten nicht nur seine Rückkehr ins Verteidigungsministerium, sondern auch die Ablösung Syrskyjs als Oberbefehlshaber.
Während Syrskyj nun tatsächlich ersetzt wurde, kehrt Fedorow nicht in die Regierung zurück. Stattdessen entschied sich Präsident Selenskyj für eine personelle Neubesetzung des Verteidigungsministeriums.
Wer ist Mychajlo Drapatyj?
Der 1982 geborene Generalmajor gilt als einer der erfahrensten Frontkommandeure der ukrainischen Streitkräfte. Der ausgebildete Panzeroffizier machte sich bereits während des Donbas-Krieges ab 2014 einen Namen und wurde später mit wichtigen Führungsaufgaben im russischen Angriffskrieg betraut.
Nach Beginn der groß angelegten russischen Invasion im Jahr 2022 koordinierte Drapatyj als stellvertretender Befehlshaber der Vereinigten Streitkräfte unter anderem die Verteidigung von Krywyj Rih sowie die Rückeroberung strategisch wichtiger Gebiete im Süden der Ukraine.
Später übernahm er Führungsaufgaben im Generalstab, wurde Chef der Landstreitkräfte und schließlich Kommandeur der Vereinigten Streitkräfte. In dieser Zeit festigte er seinen Ruf als militärischer Krisenmanager.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt Drapatyj, als er nach einem russischen Raketenangriff auf ein ihm unterstelltes Übungsgelände am 1. Juni 2025 seinen Rücktritt als Heereskommandeur anbot. Bei dem Angriff wurden nach den vorliegenden Angaben mindestens zwölf Rekruten getötet und mehr als 60 weitere verletzt.
Drapatyj begründete seinen Rücktritt öffentlich mit seinem persönlichen Verantwortungsgefühl für die Tragödie. Präsident Selenskyj lehnte den Rücktritt jedoch ab und übertrug ihm später weitere Führungsaufgaben.
Öffentliche Unterstützung für Reformen
Nach der Entlassung von Verteidigungsminister Fedorow gehörte Drapatyj zu den wenigen ranghohen Offizieren, die diesen öffentlich verteidigten.
Auf Facebook erklärte er, mit Fedorows Amtsantritt sei erstmals ernsthaft versucht worden, die seit Jahren bestehenden Strukturen innerhalb des Militärs zu verändern. Das Verteidigungsministerium habe sich zu einem verlässlichen Partner der Streitkräfte entwickelt, Entscheidungen seien schneller getroffen und Vorschläge aus den Truppen stärker berücksichtigt worden.
Zugleich betonte Drapatyj, viele Reformen hätten gegen den Widerstand etablierter Strukturen durchgesetzt werden müssen. Probleme innerhalb der Armee müssten offen angesprochen werden, um nachhaltige Veränderungen zu ermöglichen.
Spekulationen über Machtkämpfe innerhalb der Armeeführung
Als Drapatyj im Herbst 2025 mit der Verteidigung der Region Charkiw beauftragt wurde, werteten Beobachter dies als mögliche Einschränkung seines Einflusses.
Medien spekulierten, Oberbefehlshaber Syrskyj habe den populären General bewusst auf einen regional begrenzten Verantwortungsbereich versetzt, um einen potenziellen Konkurrenten innerhalb der Militärführung zu schwächen. Für diese Einschätzung werden im vorliegenden Quellenmaterial jedoch keine bestätigten Belege genannt.
Analyse: Personalwechsel mit politischen Folgen
Der Wechsel an der Spitze der ukrainischen Streitkräfte wird unterschiedlich bewertet.
Oleksandr Chara vom ukrainischen Zentrum für Verteidigungsstrategien sieht in den Protesten ein demokratisches Korrektiv. Nach seiner Einschätzung habe Präsident Selenskyj auf die Reaktionen aus Gesellschaft und Militär reagiert und entsprechende Konsequenzen gezogen.
Deutlich kritischer äußert sich Oleksij Melnyk vom Kyjiwer Rasumkow-Zentrum. Er hält die Personalentscheidungen grundsätzlich für das Recht des Präsidenten, bewertet die Entwicklung jedoch als vermeidbare innenpolitische Krise. Nach seiner Einschätzung hätte die Regierung die Spannungen frühzeitiger entschärfen können.
Bedeutung für die weitere Entwicklung
Mit der Ernennung von Mychajlo Drapatyj verbindet Präsident Selenskyj die Erwartung, Reformen innerhalb der Streitkräfte fortzuführen und die militärische Führung neu auszurichten. Ob der Führungswechsel die Spannungen innerhalb des politischen und militärischen Apparats dauerhaft entschärfen kann, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass die neue Armeeführung ihre Arbeit in einer Phase übernimmt, in der militärische Entscheidungen und innenpolitische Stabilität für die Ukraine gleichermaßen von zentraler Bedeutung sind.






