Mychajlo Drapatyj wird neuer Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte
General Mychajlo Drapatyj steht an der Spitze der ukrainischen Streitkräfte – und übernimmt damit eine der schwierigsten militärischen Aufgaben Europas. Seine Karriere ist eng mit den Krisenherden des russisch-ukrainischen Krieges verbunden: Seit 2014 wurde er wiederholt dorthin geschickt, wo die ukrainische Front zu brechen drohte. Doch Drapatyj ist nicht nur für militärische Erfolge bekannt. Mehrere schwere Rückschläge, Spannungen mit dem bisherigen militärischen Führungsapparat und sein späterer Rücktritt machen seine Ernennung zu einer Entscheidung mit erheblichen politischen und militärischen Risiken.
Vom Einsatzoffizier zum „Feuerwehrmann“ der Front
Drapatyjs Aufstieg begann während des Krieges im Donbas. Am 9. Mai 2014, wenige Wochen nach der Besetzung der Krim durch Russland und während separatistische Gruppen wichtige Orte im Donbas übernahmen, wurde die Lage in Mariupol kritisch.
Separatisten und russische Kräfte hatten die Polizeiwache der Stadt umstellt und drohten, die Verteidiger bei lebendigem Leib zu verbrennen. Militärische Unterstützung wurde angefordert. In der Nähe befand sich die 72. Selbstständige Mechanisierte Brigade unter dem Kommando des damaligen Offiziers Drapatyj.
Drapatyj rückte mit seinen Soldaten in Schützenpanzern auf die Stadt vor. Aufnahmen zeigen, wie das erste Fahrzeug eine Straßenbarrikade überwindet und den Weg für die nachfolgenden Fahrzeuge freimacht. Drapatyj saß selbst in diesem Fahrzeug.
Die ukrainischen Soldaten erreichten die Polizeiwache, als die Angreifer bereits in das Gebäude eingedrungen waren. Sie vertrieben die Angreifer und brachten die ukrainischen Polizisten in Sicherheit.
Der Einsatz wurde zu einem Symbol für Drapatyjs Führungsstil. In den folgenden Jahren wurde er immer wieder eingesetzt, wenn die ukrainische Front unter besonders starkem Druck stand. In der Region Luhansk stabilisierte er einen zusammenbrechenden Frontabschnitt und führte seine eingeschlossene Einheit aus der Gefahr.
Mychajlo Drapatyj zwischen Erfolgen und schweren Rückschlägen
Auch nach dem Beginn des russischen Großangriffs im Februar 2022 übernahm Drapatyj schwierige Aufgaben. Er wurde nach Krywyj Rih im Süden der Ukraine entsandt, wo russische Truppen schnell vorrückten und sich der Stadt näherten.
Drapatyj übernahm das Kommando über eine neu aufgestellte Brigade ohne Kampferfahrung. Es gelang ihm, die Stellungen zu halten und die Front in diesem Abschnitt zu stabilisieren. Im Herbst 2022 gehörte er zudem zu den Kommandeuren der ukrainischen Gegenoffensive, durch die große Teile der Region Cherson einschließlich der Stadt Cherson zurückerobert wurden.
2024 wurde Drapatyj erneut in besonders kritischen Situationen eingesetzt. Im Mai drangen russische Truppen in die Region Charkiw ein und drohten, die ukrainischen Verteidigungslinien zu durchbrechen. Drapatyj stabilisierte die Front. Auch bei Tschassiw Jar gelang ihm im Sommer eine Stabilisierung der Lage.
Bis zum Herbst hatte sich die Krise jedoch auf weite Teile der Front ausgeweitet. Aus dem „Feuerwehrmann“ für einzelne Frontabschnitte sollte deshalb ein Kommandeur werden, der größere Teile der ukrainischen Armee führen konnte.
Präsident Wolodymyr Selenskyj ernannte Drapatyj zum Befehlshaber der Landstreitkräfte. Ukrainischen Presseberichten zufolge war er von General Oleksandr Syrskyj vorgeschlagen worden, dem damaligen Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte.
Die beiden Männer kannten sich schon lange. Als Drapatyj seine militärische Laufbahn bei der 72. Selbstständigen Mechanisierten Brigade begann, war Syrskyj deren Kommandeur. Das Verhältnis der beiden Offiziere galt zunächst als gut, sollte sich später jedoch deutlich verschlechtern.
Mychajlo Drapatyj: Die Doppelbelastung und ihre Folgen
Die neue Aufgabe stellte Drapatyj vor eine andere Herausforderung als seine bisherigen Einsätze. Als Befehlshaber der Landstreitkräfte musste er nicht mehr nur einzelne Frontkrisen lösen, sondern eine gesamte Teilstreitkraft organisatorisch führen.
Drapatyj entwickelte Reformvorschläge, konnte diese jedoch nicht umfassend verfolgen. Selenskyj benötigte ihn weiterhin an der Front, diesmal zur Stabilisierung der schwierigen Lage bei Pokrowsk. Im Januar 2025 übernahm Drapatyj zusätzlich die Führung des Kommandos für Spezialoperationen „Chortyzja“.
Damit versuchte er, zwei besonders anspruchsvolle Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen. Der Versuch erwies sich als problematisch. Pokrowsk fiel zwar rasch, Drapatyj gelang es nach den vorliegenden Angaben jedoch, die Lage entlang des gesamten Frontabschnitts zu stabilisieren.
Schwerer wogen zwei Angriffe auf ein ukrainisches Ausbildungszentrum in der Region Dnipropetrowsk. Am 1. März 2025 griffen russische Kräfte die Einrichtung an. Nach inoffiziellen Angaben wurden dabei 30 Menschen getötet und 130 verletzt. Eine ungestörte Drohne soll zuvor das Ziel überwacht und das russische Feuer gelenkt haben.
Der Angriff sorgte für Empörung bei Selenskyj und Syrskyj und führte zu Rücktritten. Drapatyj erhielt einen förmlichen Tadel – den ersten solchen Vorgang in seiner bis dahin erfolgreichen Laufbahn.
Warum Drapatyjs Ernennung ein Risiko bleibt
Am 1. Juni 2025 wurde derselbe Ausbildungsstützpunkt erneut angegriffen. Wieder erfolgte der Angriff nach dem vorliegenden Material auf vergleichbare Weise. Diesmal starben 13 Soldaten, 70 weitere wurden verletzt.
Drapatyj übernahm die Verantwortung und trat zurück. Ein großer Teil der Öffentlichkeit und des Militärs wertete diesen Schritt als ehrenhaft, gerade weil Rücktritte von Offizieren nach schweren Fehlschlägen nicht selbstverständlich seien.
Gleichzeitig markierte der Rücktritt einen Wendepunkt. Aus dem erfahrenen Frontkommandeur, der Krisen immer wieder stabilisiert hatte, wurde eine Figur, deren Verhältnis zur politischen und militärischen Führung zunehmend relevant wurde.
Darin liegt eine der entscheidenden Fragen seiner neuen Aufgabe. Drapatyj verfügt über umfangreiche Erfahrungen aus den schwierigsten Phasen des Krieges und hat wiederholt bewiesen, dass er instabile Frontabschnitte stabilisieren kann. Gleichzeitig zeigen seine Erfahrungen als Befehlshaber der Landstreitkräfte, dass sich die Führung einer großen militärischen Organisation nicht allein mit Fähigkeiten als Einsatzoffizier bewältigen lässt.
Hinzu kommt die politische Dimension des Amtes. Schon Drapatyjs Vorgänger Walerij Saluschnyj wurde zu einer politischen Figur, nachdem er in Vertrauensumfragen außergewöhnlich hohe Werte erreicht hatte. General Oleksandr Syrskyj besaß dagegen deutlich weniger öffentliches Profil und stellte damit keine vergleichbare politische Konkurrenz für Selenskyj dar.
Drapatyj steht nun zwischen diesen beiden Erfahrungen: Er kommt mit erheblichem militärischem Renommee, ist aber zugleich durch die Rückschläge der vergangenen Jahre belastet. Ob er daraus einen Vorteil machen kann, hängt davon ab, ob es ihm gelingt, seine Stärke als Krisenkommandeur mit der langfristigen Führung und Reform der ukrainischen Streitkräfte zu verbinden.
Für die Ukraine ist diese Frage entscheidend. Ein Oberbefehlshaber muss nicht nur einzelne Fronten retten, sondern Strukturen schaffen, die auch dann funktionieren, wenn mehrere Krisen gleichzeitig auftreten. Drapatyjs bisherige Laufbahn macht ihn dafür zu einem ungewöhnlich erfahrenen, aber keineswegs risikofreien Kandidaten.
Seine wichtigste Bewährungsprobe wird deshalb nicht allein darin liegen, den nächsten „Brand“ an der Front zu löschen. Entscheidend wird sein, ob er verhindern kann, dass überhaupt immer neue Brände entstehen.
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