Junge Menschen in Deutschland wünschen sich weniger Kinder – Zukunftssorgen wachsen
Junge Menschen in Deutschland wünschen sich einer neuen Untersuchung zufolge erstmals seit Jahren weniger Kinder. Frauen zwischen 18 und 39 Jahren nennen im Durchschnitt rund 1,7 Kinder als gewünschte Zahl, bei Männern sind es etwa 1,6. Besonders bemerkenswert ist dabei nicht nur der Rückgang des Kinderwunsches, sondern der Grund, den das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) nennt: Die Erfahrungen mit Krisen und die Sorge um die Zukunft beeinflussen offenbar zunehmend die Familienplanung. Gleichzeitig liegt der gewünschte Nachwuchs weiterhin deutlich über der tatsächlichen Geburtenrate.
Weniger Kinderwunsch trotz weiterhin höherem Ideal
Die aktuellen Ergebnisse zeichnen ein widersprüchliches Bild. Einerseits ist der konkrete Kinderwunsch junger Erwachsener zurückgegangen. Andererseits halten Frauen und Männer zwischen 18 und 39 Jahren weiterhin durchschnittlich etwa 2,2 Kinder für ideal.
Damit besteht weiterhin eine deutliche Lücke zwischen dem, was Menschen sich für ihr Leben wünschen, und der tatsächlichen Zahl der Kinder, die geboren werden.
Das BIB sieht deshalb keinen grundsätzlichen Bedeutungsverlust von Familie und Kindern. Vielmehr deutet die Untersuchung darauf hin, dass junge Menschen ihre Familienplanung zunehmend aufschieben.
„Es ist nicht der fehlende Wunsch nach Kindern, der den Geburtenrückgang prägt“, erklärte BIB-Forschungsdirektor Martin Bujard. „Vielmehr führt der Aufschub der Familienplanung häufig zu unerfüllten Kinderwünschen.“
Das ist demnach ein wichtiger Unterschied. Wer eine Familie grundsätzlich möchte, den Kinderwunsch aber wegen unsicherer Lebensumstände immer weiter verschiebt, bekommt möglicherweise später weniger Kinder als ursprünglich geplant.
Zukunftssorgen prägen die Familienplanung
Eine mögliche Erklärung für den Rückgang des Kinderwunsches sieht das BIB in den vielfältigen Krisenerfahrungen der vergangenen Jahre. Zukunftssorgen sind unter jungen Erwachsenen weit verbreitet.
Besonders deutlich ist die Angst vor Kriegen. Mehr als vier von zehn Befragten gaben an, deswegen sehr besorgt zu sein.
Auch andere gesellschaftliche Entwicklungen beeinflussen die Wahrnehmung der Zukunft. Die Sorge vor einer möglichen Schwächung der Demokratie ist demnach gestiegen. Klimawandel und mögliche Wirtschaftskrisen bereiten ebenfalls vielen jungen Menschen Sorgen.
Für die Familienplanung kann eine solche Unsicherheit entscheidend sein. Die Entscheidung für ein Kind betrifft nicht nur die persönliche Lebensplanung, sondern auch die Frage, in welcher gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umgebung ein Kind aufwachsen wird.
Wenn junge Erwachsene ihre Zukunft als instabil wahrnehmen, kann dies dazu führen, dass sie eine Familiengründung zunächst verschieben.
Wohnraum und Einkommen werden zum Problem
Nicht nur internationale Krisen spielen eine Rolle. Auch die unmittelbaren Lebensbedingungen vor Ort beeinflussen den Kinderwunsch.
Viele Befragte bewerten das Wohnungsangebot sowie die Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten in ihrer Region kritisch. Gerade für junge Menschen, die über Familiengründung nachdenken, können hohe Wohnkosten, unsichere Beschäftigungsperspektiven oder fehlender geeigneter Wohnraum zu wichtigen Faktoren werden.
Dabei zeigt die Untersuchung einen bemerkenswerten Zusammenhang: Kinderlose Menschen, die mit ihren Wohn- und Arbeitsbedingungen vor Ort zufrieden sind, äußern häufiger den Wunsch, innerhalb der kommenden drei Jahre ein Kind zu bekommen.
Das deutet darauf hin, dass Familienplanung nicht ausschließlich von finanziellen Leistungen oder staatlicher Familienpolitik abhängt. Auch die Frage, ob Menschen ihre konkrete Lebenssituation als stabil und zukunftsfähig empfinden, kann eine entscheidende Rolle spielen.
Warum der Abstand zur Geburtenrate wichtig ist
Die Entwicklung des Kinderwunsches ist vor dem Hintergrund der deutschen Geburtenentwicklung besonders relevant. Im vergangenen Jahr sank die durchschnittliche Geburtenrate nach Angaben des Statistischen Bundesamtes auf 1,32 Kinder pro Frau.
Damit erreichte sie den niedrigsten Wert seit 1997.
Der Unterschied zwischen dem weiterhin bestehenden Ideal von rund 2,2 Kindern und der tatsächlichen Geburtenrate zeigt, dass sich der demografische Wandel nicht allein dadurch erklären lässt, dass junge Menschen grundsätzlich keine Kinder mehr haben wollen.
Vielmehr entsteht eine Lücke zwischen den ursprünglichen Vorstellungen und der tatsächlichen Familiengröße.
Für Deutschland ist diese Entwicklung gesellschaftlich und wirtschaftlich bedeutsam. Eine dauerhaft niedrige Geburtenrate verändert langfristig die Altersstruktur der Bevölkerung und kann Auswirkungen auf Arbeitsmarkt, Rentensystem, Pflege und öffentliche Infrastruktur haben.
Familienpolitik allein reicht möglicherweise nicht
Die Untersuchung stellt damit auch die Frage, wie Politik auf den Geburtenrückgang reagieren kann. Staatliche Unterstützung bei Betreuung, Elternzeit oder finanziellen Leistungen kann Familien entlasten. Sie kann jedoch nicht automatisch die grundlegende Wahrnehmung der Zukunft verändern.
Nach Einschätzung des BIB reicht Familienpolitik allein deshalb nicht aus, um die Lücke zwischen Kinderwunsch und tatsächlicher Kinderzahl zu schließen.
„Entscheidend ist auch, ob junge Menschen mit Zuversicht auf ihre persönliche und gesellschaftliche Zukunft blicken“, sagte Bujard. „Politik, Medien und gesellschaftliche Institutionen prägen solche Zukunftserwartungen mit.“
Damit rückt ein Faktor in den Mittelpunkt, der in der Debatte über niedrige Geburtenraten häufig schwer messbar ist: gesellschaftliches Vertrauen.
Ein junger Mensch muss nicht nur das Gefühl haben, sich ein Kind finanziell leisten zu können. Ebenso wichtig kann die Überzeugung sein, dass sich die eigene berufliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation langfristig planen lässt.
Ein demografisches Problem mit vielen Ursachen
Die Ergebnisse des BIB sprechen gegen eine einfache Erklärung des deutschen Geburtenrückgangs. Es gibt offenbar nicht den einen Grund, warum Menschen weniger oder später Kinder bekommen.
Internationale Krisen treffen auf wirtschaftliche Unsicherheit, Wohnungsprobleme und veränderte Lebensentwürfe. Hinzu kommt die Tatsache, dass eine spätere Familiengründung die Möglichkeit verringern kann, mehrere Kinder zu bekommen.
Gerade deshalb ist der Unterschied zwischen Kinderwunsch und tatsächlicher Kinderzahl so wichtig. Ein Wunsch von durchschnittlich 2,2 Kindern als ideale Familiengröße bedeutet nicht automatisch, dass diese Zahl tatsächlich erreicht wird.
Wenn Menschen ihre Familienplanung über Jahre verschieben, kann aus einem zeitlichen Aufschub schließlich ein dauerhaft unerfüllter Kinderwunsch werden.
Die Daten zeigen einen Wandel der Erwartungen
Die Untersuchung basiert auf Daten des familiendemografischen Panels „FReDA“. Für die Studie werden Erwachsene zwischen 18 und 55 Jahren in Deutschland halbjährlich befragt.
Die Ergebnisse erlauben damit einen Blick darauf, wie sich Vorstellungen über Familie und Kinder im Zeitverlauf verändern.
Besonders interessant ist, dass die ideale Kinderzahl relativ stabil bleibt, während der konkrete Kinderwunsch zurückgeht. Das spricht dafür, dass sich die grundsätzliche Vorstellung von Familie weniger stark verändert als die Einschätzung, ob und wann sie unter den aktuellen Bedingungen realisiert werden kann.
Für Deutschland entsteht daraus eine schwierige Ausgangslage. Der Wunsch nach Kindern verschwindet nicht, doch die Voraussetzungen für seine Umsetzung werden von vielen jungen Menschen offenbar zunehmend kritisch bewertet.
Was jetzt entscheidend wird
Die Entwicklung dürfte deshalb nicht allein an der Frage gemessen werden, wie viele Kinder junge Menschen heute durchschnittlich wünschen. Entscheidend ist vielmehr, ob aus bestehenden Kinderwünschen tatsächlich Familiengründungen werden.
Dafür spielen sichere Arbeitsverhältnisse, bezahlbarer Wohnraum und verlässliche Betreuungsmöglichkeiten ebenso eine Rolle wie die persönliche Einschätzung der Zukunft.
Die Ergebnisse des BIB legen nahe, dass eine erfolgreiche Familienpolitik deshalb über finanzielle Unterstützung hinausgehen muss. Sie müsste auch Bedingungen schaffen, unter denen junge Menschen ihre persönliche Zukunft als planbar und stabil wahrnehmen.
Der Rückgang des Kinderwunsches ist damit mehr als eine demografische Kennzahl. Er kann zugleich als Signal dafür verstanden werden, wie eine Generation ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft einschätzt.
Solange der Abstand zwischen dem Kinderwunsch und der tatsächlichen Geburtenrate groß bleibt, wird Deutschland vor der Herausforderung stehen, die Ursachen dieser Lücke besser zu verstehen. Die neue Untersuchung liefert dafür einen wichtigen Hinweis: Nicht nur die Frage, ob junge Menschen Kinder wollen, ist entscheidend – sondern auch, ob sie glauben, dass der richtige Zeitpunkt dafür in einer unsicheren Zukunft überhaupt noch kommt.
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