Globale Fonds ziehen sich aus Indien zurück – ausländischer Aktienbesitz auf 17-Jahres-Tief
Investitionen in Indien: Globale Fonds reduzieren ihr Engagement am indischen Aktienmarkt, einige haben ihre Positionen vollständig auf null gesetzt. Nach einem am 12. September veröffentlichten Bloomberg-Bericht ist der Anteil ausländischer Portfolioinvestoren an Unternehmen, die an der National Stock Exchange of India gelistet sind, auf den niedrigsten Stand seit 17 Jahren gefallen. Als Gründe gelten unter anderem fehlende attraktive KI-Investments, verhaltene Unternehmensgewinne und vergleichsweise hohe Bewertungen. Für Deutschland ist die Entwicklung relevant, weil Indien zugleich als wichtiger Handels- und Investitionspartner der deutschen Wirtschaft an Bedeutung gewinnt.
Investitionen in Indien verlieren für globale Fonds an Attraktivität
Der Rückzug ist besonders deutlich bei internationalen Vermögensverwaltern. Laut Bloomberg hat die in Singapur ansässige Reed Capital Partners ihr gesamtes indisches Aktienportfolio aufgegeben. Auch Fondsmanager von Janus Henderson Investors und Vantage Point Asset Management haben ihre Indien-Positionen im vergangenen Jahr dem Bericht zufolge auf null reduziert.
Damit handelt es sich allerdings nicht um einen vollständigen Rückzug aller ausländischen Investoren aus Indien. Im August kauften ausländische Portfolioinvestoren indische Aktien sogar netto für rund 3,1 Milliarden US-Dollar – so viel wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Trotzdem beliefen sich die Nettoverkäufe seit Jahresbeginn Ende August auf 24,6 Milliarden US-Dollar. Der längerfristige Trend bleibt damit für den indischen Aktienmarkt belastend.
Ein wesentlicher Grund liegt in der veränderten Kapitalverteilung innerhalb Asiens. Taiwan und Südkorea bieten Anlegern eine deutlich größere Zahl börsennotierter Unternehmen mit direktem Bezug zum Boom bei Halbleitern, Rechenzentren und künstlicher Intelligenz. Indien verfügt zwar über eine große und wachsende Wirtschaft, doch an der Börse fehlt vielen internationalen Investoren derzeit ein vergleichbarer KI-Schwerpunkt.
Hinzu kommen Bewertungsfragen. Bloomberg zufolge wird der indische Aktienmarkt trotz einer Abschwächung gegenüber früheren Höchstständen weiterhin mit einem deutlichen Aufschlag gegenüber anderen Schwellenländern gehandelt. Der Nifty 50 weist demnach ein Bewertungsniveau auf, das deutlich über dem entsprechenden Schwellenländer-Benchmark von MSCI liegt. Für globale Anleger wird damit die Frage wichtiger, ob die erwarteten Unternehmensgewinne die hohen Preise noch rechtfertigen.
Warum der KI-Boom Kapital aus Indien abzieht
Die Entwicklung zeigt, wie stark sich die Kriterien internationaler Anleger verändert haben. Indien war lange vor allem wegen seines hohen Wirtschaftswachstums, der wachsenden Mittelschicht und großer Infrastrukturprojekte interessant. Jetzt konkurriert das Land um Kapital mit Märkten, die unmittelbar von einem der wichtigsten globalen Anlagethemen profitieren: künstlicher Intelligenz.
Das spiegelt auch eine Umfrage der Bank of America unter internationalen Fondsmanagern wider. Indien wurde im August zum am wenigsten bevorzugten Aktienmarkt Asiens, nachdem zuvor Indonesien diese Position eingenommen hatte. 32 Prozent der Befragten waren netto bei indischen Aktien untergewichtet; neben der fehlenden klaren KI-Story wurden schwächeres Wachstum, hohe Bewertungen und aus Sicht der Investoren unzureichende Reformfortschritte als Risiken genannt.
Für den indischen Markt entsteht daraus ein schwieriger Gegensatz: Die wirtschaftlichen Grundlagen sind nicht automatisch so schwach, wie es der Rückzug ausländischer Börseninvestoren vermuten lässt. Germany Trade & Invest (GTAI) bezeichnet Indien weiterhin als eine der am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaften und erwartet für das Finanzjahr 2026/27 ein Wachstum von 6,6 Prozent. Gleichzeitig weist GTAI auf externe Belastungen wie hohe Energiepreise und anhaltenden Abwertungsdruck auf die indische Währung hin.
Der entscheidende Punkt ist deshalb die Bewertung des Wachstums. Ein Land kann wirtschaftlich stark wachsen und dennoch für Aktieninvestoren unattraktiv sein, wenn andere Märkte schneller steigende Gewinne oder eine überzeugendere technologische Wachstumsstory versprechen.
Investitionen in Indien: Was der Kapitalabzug für Deutschland bedeutet
Für deutsche Anleger sollte der aktuelle Rückzug nicht mit einem Ende der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Indien verwechselt werden. Die Bloomberg-Daten beziehen sich auf ausländische Portfolioinvestitionen in börsennotierte Unternehmen. Deutsche Direktinvestitionen in Indien folgen einer anderen Logik und sind deutlich langfristiger ausgerichtet.
Nach Angaben von GTAI lagen die deutschen Direktinvestitionen in Indien Ende 2024 bei 28,2 Milliarden Euro. Auch 2025 flossen demnach netto weitere 1,044 Milliarden Euro aus Deutschland nach Indien. Der bilaterale Warenhandel erreichte 2025 mit 35,4 Milliarden US-Dollar zudem einen neuen Höchststand.
Gerade darin liegt ein wichtiger, weniger beachteter Unterschied: Ein Rückgang ausländischer Aktieninvestitionen bedeutet nicht automatisch, dass deutsche Industrieunternehmen ihre Produktions- oder Geschäftspläne in Indien aufgeben. GTAI berichtete im April, dass viele deutsche Unternehmen ihre Geschäftsbeziehungen zu Indien sogar intensivieren und teilweise lokale Beschaffung oder zusätzliche Produktion prüfen.
Auch auf EU-Ebene spricht derzeit wenig für eine Abkehr von Indien. Die Europäische Union und Indien haben am 27. Januar 2026 die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen abgeschlossen. Am 11. September legte die Europäische Kommission dem Rat Vorschläge für dessen Unterzeichnung und Abschluss vor; das Abkommen ist damit noch nicht in Kraft. Trade and Economic Security
Investitionen in Indien: Was als Nächstes entscheidend wird
Für die kommenden Monate wird entscheidend sein, ob Indien wieder stärker Kapital anzieht oder ob Anleger den Abstand zu KI-getriebenen Märkten in Taiwan und Südkorea weiterhin als zu groß betrachten. Dabei dürfte nicht nur die Entwicklung der Unternehmensgewinne zählen, sondern auch die Frage, ob Bewertungen sinken und ob neue Wachstumsfelder entstehen, die internationale Fonds überzeugen.
Für Deutschland ist deshalb weniger ein kurzfristiger Börsenabfluss entscheidend als die Frage, ob Indien seine Rolle als langfristiger Produktions-, Absatz- und Technologiestandort behaupten kann. Der aktuelle Kapitalabzug ist vor allem ein Warnsignal für den indischen Aktienmarkt: Wirtschaftliches Wachstum allein reicht den globalen Investoren derzeit nicht mehr aus. Sie verlangen zunehmend einen klaren Zusammenhang zwischen Wachstum, Rendite und den Themen, die den internationalen Kapitalmarkt bestimmen.
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