Die große Umprogrammierung: Erleben wir gerade die Zerstörung von Humankapital?
Jonathan Haidt warnt vor einer Kindheit, die sich vom Spielplatz ins Smartphone verlagert hat
Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ihre Kinder einen immer größeren Teil ihrer Kindheit in einer digitalen Welt verbringen? Wenn das Smartphone nicht mehr nur Kommunikationsmittel, Spielzeug oder Lernhilfe ist, sondern zum ständigen Begleiter wird – und wenn soziale Anerkennung, Unterhaltung, Information und Ablenkung jederzeit auf einem Bildschirm verfügbar sind?
Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt hält diese Entwicklung für weit mehr als eine technologische Veränderung. Er spricht von einer „großen Umprogrammierung der Kindheit“.
Seine Warnung ist drastisch: Wir könnten gerade erleben, wie eine ganze Generation unter Bedingungen aufwächst, die ihre geistige, soziale und emotionale Entwicklung nachhaltig verändern. Wenn sich diese Entwicklung bestätigt, wäre das nicht nur ein individuelles Problem für Millionen von Kindern. Es könnte zu einem gesellschaftlichen Problem von historischer Größenordnung werden.
Denn das, worüber hier gesprochen wird, ist letztlich Humankapital.
Zerstörung von Humankapital: Was geht verloren, wenn Kindheit digital wird?
Humankapital klingt zunächst nach Wirtschaftssprache. Gemeint sind jedoch Fähigkeiten, die für eine Gesellschaft von fundamentaler Bedeutung sind: Bildung, Konzentrationsfähigkeit, Kreativität, Selbstkontrolle, soziale Kompetenz, körperliche Gesundheit, Problemlösungsfähigkeit und die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen und Konflikte zu bewältigen.
Diese Fähigkeiten entstehen nicht automatisch.
Kinder müssen sie entwickeln.
Sie entwickeln sie beim Spielen, beim Lesen, beim Sport, beim Streiten und Versöhnen, beim Erkunden ihrer Umgebung, beim Lösen eigener Probleme und beim Umgang mit Langeweile.
Genau hier setzt Haidts Kritik an.
Wenn immer mehr dieser Erfahrungen durch einen Bildschirm ersetzt werden, entsteht ein Problem, das weit über die Frage hinausgeht, wie viele Stunden ein Kind täglich am Smartphone verbringt.
Die entscheidende Frage lautet: Was findet nicht mehr statt, weil das Smartphone diese Zeit beansprucht?
Das Smartphone ist kein gewöhnliches Werkzeug
Haidt argumentiert, dass wir Kindern innerhalb weniger Jahre eine Technologie zugänglich gemacht haben, die in ihrer psychologischen Wirkung mit früheren Medien kaum vergleichbar ist.
Ein Smartphone ist gleichzeitig Telefon, Fernseher, Spielkonsole, Kamera, Nachrichtenmedium, Suchmaschine und soziales Netzwerk.
Vor allem aber ist es ein Gerät, das ständig um Aufmerksamkeit konkurriert.
Benachrichtigungen, Likes, neue Videos, Nachrichten und Empfehlungen erzeugen einen permanenten Strom neuer Reize. Die nächste interessante Information ist immer nur einen Fingerwisch entfernt.
Für einen Erwachsenen kann das bereits eine Herausforderung sein.
Für ein Kind, dessen Fähigkeiten zur Selbstkontrolle und langfristigen Planung noch nicht vollständig entwickelt sind, ist die Situation eine andere.
Das Kind muss nicht nur lernen, mit der Welt umzugehen.
Es muss gleichzeitig lernen, einem Gerät zu widerstehen, das darauf optimiert ist, seine Aufmerksamkeit zu behalten.
Die Ökonomie der Aufmerksamkeit
Dabei sollte man die wirtschaftliche Dimension nicht ausblenden. Große digitale Plattformen konkurrieren um Aufmerksamkeit. Je länger Nutzer auf einer Plattform bleiben, desto mehr Möglichkeiten entstehen für Werbung, Interaktion und Datensammlung.
Daraus entsteht kein geheimer Masterplan. Es braucht überhaupt keinen. Es reicht, wenn ein System wirtschaftlich davon profitiert, dass Menschen möglichst lange bleiben.
Algorithmen können dann automatisch jene Inhalte bevorzugen, die besonders häufig angeklickt, kommentiert oder angesehen werden.
Die Folge ist ein struktureller Konflikt:
Das Interesse des Kindes besteht möglicherweise darin, das Gerät irgendwann wegzulegen. Das Geschäftsmodell der Plattform besteht darin, dass es das nicht tut.
Bei Erwachsenen ist dieser Konflikt bereits schwierig. Bei Kindern ist er besonders problematisch.
Zerstörung von Humankapital: Die verlorene Kindheit
Haidt sieht eine entscheidende Veränderung darin, dass die klassische Kindheit zunehmend durch eine smartphonebasierte Kindheit ersetzt worden sei.
- Freies Spiel wird durch digitale Unterhaltung ersetzt.
- Langeweile wird durch einen endlosen Strom von Inhalten beseitigt.
- Freundschaften finden zunehmend über Plattformen statt.
- Konflikte werden über Chats ausgetragen.
- Vergleiche mit anderen finden nicht mehr nur in Schule oder Nachbarschaft statt, sondern rund um die Uhr.
- Und während Kinder früher irgendwann nach Hause gingen, endet die digitale soziale Welt nie.
Sie ist immer da.
Das kann zu einem permanenten sozialen Druck führen: Wer hat etwas gepostet? Wer hat geliked? Wer wurde eingeladen? Wer sieht besser aus? Wer ist beliebter?
Für Jugendliche, die gerade erst ihr eigenes Selbstbild entwickeln, ist das eine völlig neue Umgebung.
Besonders problematisch: die Pubertät
Die Pubertät ist eine Phase, in der Anerkennung und Zugehörigkeit eine außergewöhnliche Bedeutung bekommen.
Genau in dieser Phase bekommen Jugendliche heute Zugang zu Plattformen, auf denen soziale Anerkennung öffentlich sichtbar und teilweise messbar wird.
- Follower.
- Likes.
- Kommentare.
- Aufrufe.
Die eigene soziale Stellung kann dadurch scheinbar in Zahlen ausgedrückt werden. Gleichzeitig sehen Jugendliche permanent Bilder von Menschen, die schöner, erfolgreicher, beliebter oder glücklicher erscheinen. Der soziale Vergleich, der früher auf die eigene Schulklasse oder den Freundeskreis begrenzt war, kann dadurch eine globale Dimension annehmen.
Das bedeutet nicht, dass soziale Medien automatisch psychische Erkrankungen verursachen. Aber es bedeutet, dass sich die soziale Umwelt von Kindern fundamental verändert hat.
Zerstörung von Humankapital: Der Schlaf als stille Variable
Eine der unterschätzten Folgen digitaler Nutzung könnte dabei der Schlaf sein.
Smartphones können bis spät in die Nacht genutzt werden. Nachrichten und soziale Interaktionen kennen keine Öffnungszeiten. Wer Angst hat, etwas zu verpassen, hat einen zusätzlichen Grund, das Gerät nicht wegzulegen.
Schlafmangel wiederum beeinflusst Konzentration, Stimmung, Lernen und körperliche Gesundheit.
Damit entsteht ein möglicher Kreislauf:
- Mehr digitale Nutzung kann weniger Schlaf bedeuten.
- Weniger Schlaf kann schlechtere Konzentration und schlechtere Stimmung bedeuten.
- Und wer sich schlecht fühlt oder Schwierigkeiten hat, sich zu konzentrieren, kann wiederum leichter in passive digitale Unterhaltung flüchten.
Die einzelnen Faktoren lassen sich deshalb nicht immer isoliert betrachten.
Aber ist das wirklich eine „Zerstörung von Humankapital“?
Hier ist Vorsicht angebracht.
Haidts These ist provokant, und die wissenschaftliche Forschung ist komplexer als manche Schlagzeile suggeriert. Korrelation ist nicht automatisch Kausalität.
Wenn Jugendliche häufiger unter psychischen Problemen leiden und gleichzeitig mehr Zeit online verbringen, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Smartphone-Nutzung die Ursache ist. Auch Familie, Schule, gesellschaftlicher Druck, wirtschaftliche Unsicherheit, soziale Veränderungen und individuelle Unterschiede spielen eine Rolle.
Außerdem kann digitale Technologie durchaus positive Funktionen haben.
Kinder können online lernen, Informationen suchen, kreative Projekte entwickeln und soziale Kontakte pflegen. Für manche Jugendliche können digitale Gemeinschaften sogar eine wichtige Unterstützung darstellen. Deshalb wäre es wissenschaftlich nicht haltbar, jedes Smartphone und jede Form digitaler Mediennutzung als schädlich zu bezeichnen.
Doch damit verschwindet Haidts Grundfrage nicht.
Ein gigantisches gesellschaftliches Experiment
Vielleicht ist genau das der wichtigste Punkt. Wir wissen heute noch nicht vollständig, welche langfristigen Auswirkungen eine Kindheit hat, in der Smartphones, soziale Medien und algorithmisch gesteuerte Inhalte eine zentrale Rolle spielen.
Trotzdem haben wir diese Technologien innerhalb weniger Jahre in das Leben von Millionen Kindern integriert. Das hat etwas von einem gigantischen gesellschaftlichen Experiment. Nur mit einem entscheidenden Unterschied zu einem klassischen Experiment:
Wir haben vorher nicht festgelegt, welche Folgen wir eigentlich beobachten wollten.
Und wir können nicht einfach aufhören und die vergangenen Jahre zurücksetzen.
Die Generation, die mit Smartphones aufgewachsen ist, wird irgendwann die Arbeitswelt, die Politik, die Wissenschaft, die Wirtschaft und die Institutionen unserer Gesellschaft prägen. Wenn sich herausstellt, dass ein erheblicher Teil dieser Generation schlechter konzentrieren kann, weniger belastbar ist, weniger stabile soziale Beziehungen aufbaut oder stärker von digitalen Reizen abhängig ist, wäre das nicht nur ein individuelles Problem.
Es wäre ein gesellschaftlicher Verlust.
Humankapital ist mehr als Produktivität
Dabei sollte „Humankapital“ nicht auf die Frage reduziert werden, wie effizient Arbeitnehmer später funktionieren.
Eine Gesellschaft braucht Menschen, die denken können.
- Menschen, die langfristig planen.
- Menschen, die Frustration aushalten.
- Menschen, die miteinander sprechen können, ohne sofort in Lager zu zerfallen.
- Menschen, die Beziehungen aufbauen und Konflikte lösen können.
- Menschen, die sich konzentrieren können, obwohl niemand sie ständig unterhält.
- Und Menschen, die nicht jede freie Minute mit einem neuen Reiz füllen müssen.
Das sind keine rein ökonomischen Fähigkeiten.
Sie sind die Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft.
Was Haidt eigentlich fordert
Haidt fordert deshalb keine Rückkehr in eine Welt ohne Technologie.
Seine Forderung ist vielmehr, die digitale Welt nicht zum Ersatz für die reale Kindheit werden zu lassen.
Er plädiert unter anderem für spätere Smartphones, eine Altersgrenze für soziale Medien, smartphonefreie Schulen und mehr Möglichkeiten für Kinder, sich unbeaufsichtigt zu bewegen, zu spielen und eigene Erfahrungen zu machen.
Das Entscheidende daran ist nicht jede einzelne Altersgrenze.
Es ist die Grundidee:
Kinder brauchen zunächst eine reale Welt, in der sie Selbstständigkeit lernen können.
Erst danach sollte die digitale Welt immer mehr Raum einnehmen.
Die eigentliche Machtfrage
Damit wird die Debatte über Smartphones letztlich zu einer Debatte über Macht.
Wer bestimmt, wie Kinder ihre Zeit verbringen?
- Eltern?
- Schulen?
- Der Staat?
Oder zunehmend die Unternehmen, deren Geschäftsmodelle auf Aufmerksamkeit beruhen?
Wenn ein Algorithmus besser weiß als ein Kind, welche Inhalte es noch fünf Minuten länger anschauen wird, verschiebt sich ein Teil der Kontrolle über Aufmerksamkeit von der Person zur Plattform.
Das muss keine Verschwörung sein. Es ist ein ökonomisches System. Und gerade deshalb könnte es so schwer zu verändern sein.
Eine Generation als Versuchsfeld
Vielleicht wird die historische Bedeutung unserer Zeit erst in einigen Jahrzehnten sichtbar sein.
Dann wird man beurteilen können, ob Haidts Warnungen übertrieben waren – oder ob wir tatsächlich eine tiefgreifende Veränderung der menschlichen Entwicklung unterschätzt haben.
Die These von der „Zerstörung von Humankapital“ ist heute deshalb weniger eine bewiesene Tatsache als eine Warnung vor einem möglichen Generationenschaden.
Doch selbst wenn nur ein Teil dieser Warnung zutrifft, lohnt sich die Auseinandersetzung.
Denn die Frage ist größer als die Frage nach Bildschirmzeit.
Sie lautet:
Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn die Kindheit ihrer nächsten Generation zunehmend von Technologien geprägt wird, deren Geschäftsmodell darin besteht, ihre Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden?
Vielleicht erleben wir tatsächlich eine „große Umprogrammierung“.
Vielleicht ist der Begriff übertrieben.
Aber eines ist sicher:
Die Kindheit von heute ist nicht mehr dieselbe wie die Kindheit vor dem Smartphone. Und wenn sich dadurch die Fähigkeiten verändern, mit denen Menschen später ihr Leben, ihre Beziehungen und ihre Gesellschaft gestalten, dann geht es nicht mehr nur um Erziehung.
Dann geht es um die Zukunft unseres Humankapitals.
Mehr zum Thema „Jugend weltweit„






