SCO-Gipfel in Bischkek: Xi, Modi und Putin beraten über Handel, Sicherheit und eine multipolare Weltordnung
Beim zweitägigen Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) in Bischkek kommen mit Chinas Präsident Xi Jinping, Russlands Präsident Wladimir Putin und Indiens Premierminister Narendra Modi drei der einflussreichsten Politiker Eurasiens zusammen. Im Mittelpunkt stehen die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine, die Beziehungen zwischen China und Indien sowie neue Handels- und Transportwege. Für Deutschland und die Europäische Union ist das Treffen relevant, weil die SCO zunehmend über wirtschaftliche Zusammenarbeit, Infrastruktur und internationale Finanzstrukturen spricht und damit nach Alternativen zu westlich geprägten Strukturen sucht.
Was ist die SCO und welche Länder gehören dazu?
Die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit entstand ursprünglich als Sicherheitsbündnis. 1996 gründeten China, Russland, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan die sogenannte „Shanghai Fünf“. Ihr Ziel war es vor allem, Grenzstreitigkeiten nach dem Ende des Kalten Krieges und dem Zerfall der Sowjetunion zu entschärfen.
Im Juni 2001 wurde die Gruppe zur Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit erweitert. Usbekistan kam als neues Mitglied hinzu, der Sitz der Organisation befindet sich in Peking.
Inzwischen gehören zehn Staaten der SCO als Vollmitglieder an: China, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan, Indien, Pakistan, Iran und Belarus. Indien und Pakistan traten 2017 bei. Iran wurde 2023 Vollmitglied, Belarus folgte 2024.
Darüber hinaus verfügt die Organisation über 14 Dialogpartner. Dazu gehören unter anderem Saudi-Arabien, Katar, Ägypten, die Türkei, Myanmar, Sri Lanka und Kambodscha.
Die Größe der Gruppe ist geopolitisch erheblich. Nach den vorliegenden Angaben repräsentieren die SCO-Mitgliedstaaten zusammen rund 43 Prozent der Weltbevölkerung und etwa 23 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung.
Damit ist die Organisation deutlich mehr als ein regionales Sicherheitsforum. Ihre Mitglieder reichen von den großen Volkswirtschaften China und Indien über Russland bis zu zentralasiatischen Staaten und Iran. Gleichzeitig unterscheiden sich ihre politischen Systeme, wirtschaftlichen Interessen und außenpolitischen Strategien teilweise erheblich.
Gerade diese Mischung macht die SCO interessant: Sie kann Staaten zusammenbringen, die nicht dieselben politischen Ziele verfolgen, aber ein gemeinsames Interesse daran haben, ihre außenpolitischen und wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.
SCO-Gipfel: Iran, Ukraine und die Spannungen in Asien
Der diesjährige Gipfel findet in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek unter dem Motto „Gemeinsam für nachhaltigen Frieden, Entwicklung und Wohlstand“ statt. Neben Xi, Putin und Modi werden unter anderem Irans Präsident Masoud Pezeshkian sowie die Staats- und Regierungschefs von Pakistan, Usbekistan, Belarus und Kasachstan erwartet.
Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, UN-Generalsekretär António Guterres und ASEAN-Generalsekretär Kao Kim Hourn sollen teilnehmen.
Die internationale Lage macht das Treffen besonders sensibel. Nach Angaben des SCO-Sekretariats gehören der Krieg zwischen den USA und Israel gegen Iran, der Krieg zwischen Russland und der Ukraine sowie die wirtschaftliche und soziale Situation in Afghanistan zu den zentralen Themen.
Die Positionierung gegenüber dem Iran ist dabei von besonderer Bedeutung. Die SCO hatte den Krieg der USA und Israels gegen Iran bereits im März verurteilt und den Einsatz von Gewalt als nicht akzeptabel bezeichnet. Die Organisation setzte sich dabei für eine Beilegung von Konflikten durch Dialog und unter Berücksichtigung der Interessen der beteiligten Parteien ein.
Auch der Ukraine-Krieg dürfte die Gespräche beschäftigen. Russland möchte seine internationalen Beziehungen trotz des anhaltenden Krieges weiter ausbauen. Gleichzeitig verfolgt Indien eine deutlich eigenständigere Linie und versucht, Beziehungen sowohl zu Russland als auch zu westlichen Staaten aufrechtzuerhalten.
Am Rande des Gipfels soll es zudem ein bilaterales Gespräch zwischen Putin und Erdoğan geben. Nach Angaben von Putins außenpolitischem Berater Juri Uschakow sollen dabei unter anderem die Situation im Schwarzen Meer und der Ukraine-Krieg zur Sprache kommen.
China und Indien: Annäherung trotz ungelöster Konflikte
Besonders genau dürfte auch auf das Verhältnis zwischen China und Indien geschaut werden. Die beiden Länder sind die größten Volkswirtschaften Asiens und gleichzeitig wichtige Akteure innerhalb der SCO.
Ihr Verhältnis war nach einem tödlichen Grenzkonflikt im Jahr 2020 über Jahre angespannt. Im vergangenen Jahr setzte jedoch eine vorsichtige Annäherung ein. Modi reiste erstmals seit 2018 wieder nach China und nahm dort am SCO-Gipfel in Tianjin teil.
Die Annäherung ist auch wirtschaftlich und geopolitisch relevant. Indien versucht traditionell, seine strategische Eigenständigkeit zu bewahren. Das Land unterhält enge Beziehungen zu den USA und ist zugleich Mitglied der SCO sowie ein wichtiger Abnehmer russischer Energie.
Die Beziehungen zu Pakistan bleiben dagegen schwierig. Indien und Pakistan sind beide SCO-Mitglieder, stehen sich aber seit Jahrzehnten in verschiedenen Konfliktfragen gegenüber. Die Spannungen zwischen beiden Staaten dürften deshalb ebenfalls Teil der Sicherheitsgespräche sein.
Die SCO muss damit eine ungewöhnliche Balance bewältigen: Sie will Zusammenarbeit zwischen ihren Mitgliedern fördern, vereint aber Staaten, deren bilaterale Beziehungen teilweise von erheblichen Konflikten geprägt sind.
Handel, Infrastruktur und neue Transportwege
Neben Sicherheitsfragen gewinnt die wirtschaftliche Zusammenarbeit innerhalb der SCO zunehmend an Bedeutung. Dabei geht es unter anderem um Transportkorridore, Investitionen und mögliche neue Finanzierungsstrukturen.
Ein wichtiges Projekt ist der Internationale Nord-Süd-Transportkorridor. Die rund 7.200 Kilometer lange Verbindung soll die russische Hafenstadt St. Petersburg über den Iran und Häfen am Persischen Golf mit Mumbai in Indien verbinden.
Solche Korridore könnten langfristig eine größere Rolle im Handel zwischen Europa und Asien spielen. Sie bieten alternative Verbindungen zu traditionellen Seewegen und können insbesondere dann an Bedeutung gewinnen, wenn bestehende Handelsrouten durch Konflikte oder politische Spannungen beeinträchtigt werden.
Auch die Nördliche Seeroute entlang der russischen Arktisküste könnte Thema bilateraler Gespräche zwischen Indien und Russland werden. Nach Angaben aus dem vorliegenden Material hat China zudem eine neue Schifffahrtsroute durch den Arktischen Ozean angekündigt.
Ein weiterer Schwerpunkt ist der Aufbau von Finanzierungsinstrumenten innerhalb der SCO. In Tianjin wurde nach Angaben des Geostrategieexperten Manoj Kewalramani die Gründung einer SCO-Entwicklungsbank vereinbart. Die kirgisische Führung will außerdem den SCO-Entwicklungsfonds und den SCO-Investitionsfonds vorantreiben.
Noch ist allerdings offen, welche dieser Projekte in Bischkek tatsächlich mit konkreten Vereinbarungen hinterlegt werden.
Warum der SCO-Gipfel für EU wichtig ist
Für die EU ist die Entwicklung vor allem deshalb relevant, weil sich internationale Handels- und Machtstrukturen verändern. China, Russland, Indien und andere Staaten versuchen zunehmend, ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu diversifizieren und weniger abhängig von einzelnen westlich dominierten Institutionen oder Handelswegen zu sein.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die SCO zu einem geschlossenen Gegenblock zum Westen wird. Genau davor warnen auch die Analysen im Vorfeld des Treffens.
Der Politikwissenschaftler Alejandro Reyes von der University of Hong Kong beschreibt die SCO vielmehr als ein Forum, in dem Staaten mit unterschiedlichen Interessen ihren strategischen Handlungsspielraum erweitern können. Indien ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel: Das Land arbeitet mit den USA zusammen, bleibt aber gleichzeitig Mitglied der SCO und unterhält enge Beziehungen zu Russland.
Für Deutschland können solche Veränderungen mittel- und langfristig Auswirkungen auf Lieferketten, Energieversorgung, Transportwege und Handelsbeziehungen haben. Wenn neue Korridore zwischen Russland, Zentralasien, Iran, China und Indien ausgebaut werden, entstehen zusätzliche Verbindungen, die die wirtschaftliche Landkarte Eurasiens verändern können.
Gleichzeitig wäre es falsch, aus einzelnen Gipfelerklärungen unmittelbar eine neue Weltwirtschaftsordnung abzuleiten. Dafür sind die Interessen der zehn Mitgliedstaaten zu unterschiedlich.
Analyse: Einflussreiche Organisation mit begrenzter Geschlossenheit
Die größte Stärke der SCO ist zugleich ihre größte Schwäche. Die Organisation vereint viele Staaten mit erheblichem wirtschaftlichem und politischem Gewicht, verfügt aber nicht über die politische Geschlossenheit eines klassischen Bündnisses.
China sieht die SCO als ein wichtiges Instrument, um seine Beziehungen zu Staaten des Globalen Südens zu vertiefen und eine multipolare internationale Ordnung zu fördern. Russland kann über die Organisation seine Kontakte zu wichtigen Staaten außerhalb des Westens pflegen. Indien wiederum nutzt die SCO, ohne seine Beziehungen zu den USA oder anderen westlichen Partnern aufzugeben.
Deshalb dürfte die entscheidende Frage beim Gipfel nicht lauten, ob die SCO eine einheitliche Front gegen die USA bildet. Wahrscheinlicher ist, dass die Mitgliedstaaten versuchen, konkrete gemeinsame Interessen auszubauen – etwa bei Transport, Handel, Energie und Finanzierungen.
Die anhaltenden Konflikte zeigen gleichzeitig die Grenzen dieser Zusammenarbeit. Beim Ukraine-Krieg vertreten Russland und Indien unterschiedliche Positionen. Indien und Pakistan bleiben Rivalen, während China und Indien trotz ihrer jüngsten Annäherung weiterhin offene Grenzfragen haben.
Die SCO funktioniert daher eher als Plattform für Kooperation und strategische Absicherung denn als geschlossenes geopolitisches Bündnis.
Was vom Gipfel zu erwarten ist
Der Gipfel in Bischkek ist vor allem ein Test dafür, wie weit die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit tatsächlich reicht. Die Mitgliedstaaten haben ein gemeinsames Interesse an stabileren Handelswegen und größerem wirtschaftlichem Handlungsspielraum. Ob daraus verbindliche neue Projekte entstehen, muss sich jedoch erst zeigen.
Für Xi Jinping bietet das Treffen die Möglichkeit, Chinas Rolle als zentrale Macht Eurasiens hervorzuheben. Für Putin ist die Präsenz wichtiger Partner wie Indien, China und Iran ein Signal gegen die internationale Isolation Russlands. Modi wiederum kann seine Politik der strategischen Eigenständigkeit fortsetzen und gleichzeitig die Beziehungen zu China und Russland pflegen.
Für Europa ist vor allem die Entwicklung der Transport- und Handelswege interessant. Neue Verbindungen durch Zentralasien, den Iran oder die Arktis könnten bestehende Handelsstrukturen ergänzen und langfristig die Bedeutung einzelner Routen verändern.
Die SCO wird damit zunehmend zu einem Schauplatz, an dem sich eine fragmentiertere Weltwirtschaft beobachten lässt. Ihre Mitglieder müssen dafür nicht in allen Fragen einer Meinung sein. Entscheidend ist, ob sie trotz ihrer Unterschiede genug gemeinsame Interessen finden, um dauerhafte wirtschaftliche und politische Strukturen aufzubauen.
Die größere Bedeutung des Treffens
Der SCO-Gipfel steht für einen langfristigen Wandel: Internationale Zusammenarbeit findet zunehmend in mehreren, sich überschneidenden Organisationen und Partnerschaften statt. Die zehn Mitgliedstaaten der SCO bilden dabei keinen einheitlichen Block, repräsentieren aber einen erheblichen Teil der Weltbevölkerung und der globalen Wirtschaftsleistung.
Für Deutschland und die EU bedeutet das, Entwicklungen außerhalb der klassischen westlichen Bündnisse stärker im Blick zu behalten. Entscheidend wird sein, ob aus den ambitionierten Plänen für neue Handelswege, Finanzinstitutionen und wirtschaftliche Kooperation tatsächlich belastbare Strukturen entstehen.
Der Gipfel in Bischkek liefert dafür wichtige Hinweise – nicht zuletzt deshalb, weil mit China, Indien und Russland drei Staaten aufeinandertreffen, deren Interessen sich teilweise überschneiden, aber keineswegs deckungsgleich sind.
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