Embryonen-Tests sollen über Krankheiten und IQ entscheiden – eine neue Branche verspricht das „beste Baby“
US-amerikanische Start-ups arbeiten daran, Embryonen vor einer möglichen Schwangerschaft auf immer mehr genetische Merkmale zu untersuchen. Neben Risiken für bestimmte Krankheiten geht es nach Angaben der Unternehmen auch um Eigenschaften wie Augen- und Haarfarbe, Intelligenz und Lebenserwartung. Die Angebote richten sich an Eltern, die bereits vor der Geburt möglichst viele Informationen über die genetischen Eigenschaften ihres künftigen Kindes erhalten möchten. In den USA entsteht damit ein neuer Markt, der auch in Europa eine grundsätzliche Debatte über die Grenzen genetischer Auswahl auslösen dürfte.
Embryonen-Tests werden zum Geschäft
Ende vergangenen Jahres sorgten in New York ungewöhnliche Werbeplakate für Aufmerksamkeit. Auf ihnen wurde unter anderem mit dem Versprechen geworben, Eltern könnten das „beste Baby“ bekommen. Eine weitere Botschaft verwies darauf, dass der IQ zu einem erheblichen Teil genetisch beeinflusst werde.
Hinter der Kampagne stand Nucleus, ein Start-up aus dem Bereich der Embryonenforschung. Kian Sadeghi, der Gründer des Unternehmens, bezeichnete das Angebot als Massenmarktprodukt und erklärte, die New Yorker U-Bahn sei deshalb ein geeigneter Ort für die Werbung.
Nucleus ist damit nicht allein. In Silicon Valley und darüber hinaus entsteht eine Gruppe von Unternehmen, die versuchen, genetische Informationen über Embryonen in ein kommerzielles Produkt zu verwandeln.
Das Geschäftsmodell geht dabei deutlich über die klassische Untersuchung auf einzelne schwere Erbkrankheiten hinaus.
Von Krankheiten bis zur Augenfarbe
Ein Beispiel ist Orchid, ein Konkurrent von Nucleus. Gründerin Noor Siddiqui beschreibt die Technologie mit einer bewusst provokanten Abgrenzung: Während Sex der Fortpflanzung und dem Vergnügen diene, solle die Embryonenforschung gezielt dabei helfen, Entscheidungen über künftige Kinder zu treffen.
Noch weiter geht Herasight. Das Unternehmen bietet nach den vorliegenden Angaben seit dem vergangenen Jahr Tests an, mit denen Eltern das Risiko verschiedener Krankheiten bei Embryonen untersuchen können.
Darüber hinaus versucht Herasight, weitere Eigenschaften vorherzusagen. Dazu zählen demnach Wachstum, Intelligenz und Lebenserwartung. Die Preise können dabei bis zu 50.000 US-Dollar erreichen.
Nucleus erweitert das Spektrum unter anderem um Merkmale wie Haar- und Augenfarbe. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von der Vermeidung bestimmter genetischer Erkrankungen zunehmend in Richtung Auswahl gewünschter Eigenschaften.
Wie zuverlässig sind Vorhersagen über IQ und Lebenserwartung?
Gerade bei komplexen Eigenschaften wie Intelligenz oder Lebenserwartung ist die Aussagekraft solcher Vorhersagen eine zentrale Frage. Der Umstand, dass ein Merkmal teilweise genetisch beeinflusst wird, bedeutet nicht automatisch, dass sich seine Ausprägung bei einem einzelnen Embryo zuverlässig vorhersagen lässt.
Intelligenz beispielsweise hängt von zahlreichen genetischen und nicht genetischen Faktoren ab. Auch Umwelt, Bildung, Ernährung, soziale Bedingungen und individuelle Entwicklung spielen eine Rolle.
Das macht die Vorstellung eines eindeutig bestimmbaren „besten“ Embryos problematisch. Selbst wenn genetische Daten statistische Wahrscheinlichkeiten liefern können, handelt es sich nicht um eine Garantie für ein bestimmtes Ergebnis.
Genau hier liegt einer der wesentlichen Unterschiede zwischen der Erkennung eines klar definierten genetischen Risikos und der Vorhersage komplexer Eigenschaften. Je mehr Merkmale Unternehmen anbieten, desto wichtiger wird deshalb die Frage, was ein Test tatsächlich messen kann – und was lediglich statistisch geschätzt wird.
Elon Musk und das Interesse aus dem Silicon Valley
Die Entwicklung findet in einem Umfeld statt, in dem einige der bekanntesten Technologieunternehmer der Welt großes Interesse an Fragen rund um künstliche Intelligenz, Biotechnologie und menschliche Fortpflanzung zeigen.
Auch Elon Musk hat das Potenzial der Branche erkannt. Das Interesse prominenter Technologieunternehmer trägt dazu bei, dass genetische Technologien zur menschlichen Fortpflanzung zunehmend aus spezialisierten Forschungslaboren in die öffentliche Debatte gelangen.
Für die Start-ups ist das ein attraktiver Markt. Kinderwunschbehandlungen sind für viele Menschen bereits heute mit erheblichen Kosten und emotionalen Belastungen verbunden. Ein Angebot, das zusätzliche Informationen über Embryonen verspricht, könnte deshalb bei zahlungsbereiten Kunden auf Interesse stoßen.
Die Preise zeigen allerdings auch, dass solche Dienstleistungen zunächst vor allem für wohlhabende Familien zugänglich sind.
Was die Entwicklung für Europa bedeutet
Für Europa ist das Thema besonders sensibel. Die Auswahl und Untersuchung von Embryonen ist hier rechtlich und ethisch deutlich stärker reguliert als ein frei verfügbarer kommerzieller Gentest.
Damit stellt sich nicht nur die Frage, welche technischen Möglichkeiten Unternehmen entwickeln können. Entscheidend ist auch, welche Anwendungen eine Gesellschaft zulassen will und wo die Grenze zwischen medizinischer Vorsorge und genetischer Auswahl gezogen wird.
Eine Untersuchung auf eine schwere Erbkrankheit lässt sich ethisch anders bewerten als die Auswahl eines Embryos aufgrund einer gewünschten Augenfarbe. Noch komplexer wird die Situation bei Merkmalen wie Intelligenz oder erwarteter Lebensdauer.
Für deutsche Paare könnte dadurch langfristig eine neue Form des Fortpflanzungstourismus entstehen, falls bestimmte Untersuchungen im Ausland angeboten werden, die in Deutschland nicht zulässig sind. Ob und in welchem Umfang das tatsächlich geschieht, lässt sich aus den vorliegenden Informationen jedoch nicht ableiten.
Die ethische Frage hinter der Technologie
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht allein, was technisch möglich ist. Sie lautet auch, welche Entscheidungen Eltern über die genetischen Eigenschaften eines ungeborenen Kindes treffen sollten.
Befürworter können argumentieren, dass zusätzliche genetische Informationen Eltern helfen könnten, schwere Krankheiten zu vermeiden. Kritiker warnen dagegen vor einer Entwicklung, bei der medizinische Prävention schrittweise in die Auswahl vermeintlich wünschenswerter Eigenschaften übergeht.
Besonders problematisch ist dabei die Sprache des Marketings. Die Vorstellung vom „besten Baby“ suggeriert, dass sich die Qualität eines Menschen anhand genetischer Eigenschaften bestimmen lässt.
Ein solcher Ansatz könnte gesellschaftlichen Druck verstärken und die Vorstellung fördern, bestimmte Eigenschaften seien wertvoller als andere. Gleichzeitig könnte eine neue soziale Kluft entstehen, wenn wohlhabende Familien Zugang zu immer umfassenderen genetischen Auswahlmöglichkeiten erhalten.
Eine Branche zwischen Medizin und Optimierung
Die Entwicklung der US-Start-ups zeigt, wie schnell sich die Grenze zwischen medizinischer Diagnostik und genetischer Optimierung verschieben kann. Was mit der Untersuchung auf Krankheiten beginnt, kann sich auf statistische Prognosen über komplexe Eigenschaften ausweiten.
Herasight, Nucleus und Orchid stehen beispielhaft für diesen Wandel. Ihre Angebote machen deutlich, dass genetische Informationen über Embryonen zunehmend als kommerziell nutzbare Daten betrachtet werden.
Für Verbraucher wird deshalb Transparenz entscheidend sein. Sie müssen verstehen können, welche Ergebnisse wissenschaftlich gut abgesichert sind, welche lediglich Wahrscheinlichkeiten darstellen und wo die Grenzen der Vorhersage liegen.
Embryonen-Tests: Die größere Bedeutung
Die neue Branche verspricht Eltern mehr Kontrolle über eine Entscheidung, die bislang von biologischer Zufälligkeit geprägt war. Doch je weiter die Tests über schwere Erbkrankheiten hinausgehen, desto grundsätzlicher wird die gesellschaftliche Frage.
Die entscheidende Debatte dürfte daher nicht darum gehen, ob Unternehmen immer mehr genetische Eigenschaften analysieren können. Sie wird vielmehr darum geführt werden müssen, welche Informationen Eltern erhalten sollten, welche Entscheidungen daraus folgen dürfen und ob wirtschaftliche Interessen die Definition eines „wünschenswerten“ Kindes beeinflussen sollten.
Die Technologie entwickelt sich schnell. Die gesellschaftlichen und rechtlichen Regeln müssen mit dieser Entwicklung Schritt halten.
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