Kanada nähert sich der EU: Mark Carney nimmt an Rede zur Lage der Union teil
Kanadas Premierminister Mark Carney wird an der diesjährigen Rede zur Lage der Union der Europäischen Kommission in Straßburg teilnehmen. Die Einladung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gilt als deutliches Signal für die engere Zusammenarbeit zwischen Ottawa und Brüssel – und kommt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Handelsbeziehungen Kanadas zu den USA verschärft haben. Für die EU und damit auch Deutschland gewinnt Kanada als Partner einer regelbasierten und freihandelsorientierten Wirtschaftspolitik an Bedeutung.
Kanada nähert sich der EU
Carney hat die Einladung von Ursula von der Leyen nach Angaben eines EU-Kommissionsbeamten angenommen. Der kanadische Premier wird damit gemeinsam mit der Kommissionspräsidentin bei einem der wichtigsten politischen Termine des europäischen Jahres auftreten.
Die Europäische Kommission wertet den Besuch als Zeichen enger Beziehungen. Ein Beamter aus dem Umfeld von von der Leyen erklärte gegenüber POLITICO, die Einladung unterstreiche den gemeinsamen Wunsch, die Partnerschaft zwischen Kanada und der EU weiter zu vertiefen.
Auch die Kommission selbst verwies auf die Bedeutung internationaler Beziehungen. „In diesen herausfordernden Zeiten ist die Stärkung unserer Beziehungen weltweit von entscheidender Bedeutung“, erklärte sie laut POLITICO.
Für Brüssel kommt der kanadische Besuch zu einem politisch wichtigen Zeitpunkt. Die EU versucht, ihre internationalen Partnerschaften angesichts wachsender geopolitischer Spannungen breiter aufzustellen. Kanada könnte dabei eine besondere Rolle einnehmen, weil das Land wirtschaftliche Beziehungen zu Europa mit einer engen politischen Verbindung zu westlichen Demokratien verbindet.
Handelsstreit mit den USA verändert Kanadas Kurs
Der Schritt nach Europa steht im Zusammenhang mit den zuletzt schwieriger gewordenen Beziehungen zwischen Ottawa und Washington. Die kanadische Regierung unter Mark Carney zog sich Anfang August aus den Verhandlungen über ein weitreichendes Handelsabkommen mit US-Präsident Donald Trump zurück.
Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, in letzter Minute zusätzliche Bedingungen gestellt zu haben. Anschließend verhängte Washington Zölle auf kanadische Exporte. Kanada reagierte mit Gegenzöllen auf US-amerikanischen Stahl und Aluminium.
Der Konflikt zeigt, wie abhängig Kanada trotz seiner engen wirtschaftlichen Verbindung von den politischen Entscheidungen in Washington ist. Für Ottawa entsteht dadurch ein Anreiz, zusätzliche Partnerschaften aufzubauen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit anderen großen Märkten zu stärken.
Carney setzt nach den vorliegenden Informationen auf ein Bündnis von Demokratien, die für freien Handel stehen. Die EU ist für diesen Kurs ein naheliegender Partner.
Was die Annäherung für Deutschland bedeutet
Für Deutschland ist die Entwicklung vor allem wirtschafts- und geopolitisch relevant. Kanada verfügt über bedeutende Rohstoffvorkommen und ist zugleich ein großer Industriestandort. Eine engere Kooperation mit der EU könnte langfristig zusätzliche Möglichkeiten für Handel und Investitionen eröffnen.
Die Verbindung zwischen Kanada und der EU ist dabei nicht neu. Beide Seiten verfügen bereits über ein umfassendes Handelsabkommen. Die aktuelle politische Annäherung könnte jedoch dazu führen, dass die Zusammenarbeit über den klassischen Warenhandel hinaus stärker in strategische Bereiche ausgeweitet wird.
Für deutsche Unternehmen wäre eine engere europäisch-kanadische Partnerschaft insbesondere dann interessant, wenn sie den Zugang zu Rohstoffen, Energie, Technologie oder industriellen Lieferketten verbessert. Konkrete neue Vereinbarungen wurden mit Carneys Teilnahme an der Rede zur Lage der Union allerdings noch nicht angekündigt.
Ein Signal über Europa hinaus
Die Einladung hat deshalb zunächst vor allem symbolische Bedeutung. Dass der kanadische Premierminister bei der Rede zur Lage der Union anwesend sein wird, sendet zugleich eine politische Botschaft: Ottawa sucht angesichts der Spannungen mit Washington nach engeren Beziehungen zu anderen wirtschaftlich und politisch wichtigen Partnern.
Für die EU eröffnet sich damit ebenfalls eine Gelegenheit. Brüssel kann Kanada als Partner für eine internationale Wirtschaftsordnung positionieren, in der Freihandel und verlässliche Regeln stärker im Mittelpunkt stehen.
Ob aus der politischen Annäherung konkrete neue Handels- oder Wirtschaftsprojekte entstehen, dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen. Sicher ist bereits jetzt: Die Beziehungen zwischen Kanada und Europa erhalten durch den Kurswechsel in Ottawa deutlich mehr Gewicht.
Warum die Entwicklung langfristig wichtig ist
Kanadas Annäherung an die EU steht für eine größere Verschiebung in der internationalen Handelspolitik. Staaten, die traditionell stark auf den US-Markt ausgerichtet sind, suchen angesichts zunehmender Handelskonflikte nach zusätzlichen Partnern.
Für Europa kann das eine strategische Chance sein. Eine engere Verbindung mit Kanada würde der EU nicht nur wirtschaftliche Optionen eröffnen, sondern auch die Zusammenarbeit mit einem wichtigen demokratischen Partner auf der anderen Seite des Atlantiks stärken. Der Auftritt von Mark Carney in Straßburg ist dafür ein frühes, aber deutliches politisches Signal.
Mehr zum Thema „EU“






