Ist die NATO sicher? General Pacek sieht Russland als „Koloss mit Füßen aus Lehm“
Der polnische General Bogusław Pacek hält einen gemeinsamen Krieg der NATO-Staaten gegen Russland derzeit für gewinnbar. Im Gespräch mit Onet bezeichnete er Russland als „Koloss mit Füßen aus Lehm“ und verwies auf Schwächen der russischen Streitkräfte. Gleichzeitig warnte Pacek davor, die militärischen Fähigkeiten Moskaus zu unterschätzen: Gerade weil Russland die Ukraine bislang nicht besiegen könne, könne die Lage gefährlicher werden. Für Polen und die übrigen NATO-Staaten stellt sich damit die Frage, wie belastbar die eigene Abschreckung ist und welche Bedeutung der kommende Winter für den weiteren Verlauf des Ukraine-Krieges haben könnte.
NATO gegen Russland: Warum Pacek keine unmittelbare Gefahr für Polen sieht
Pacek widerspricht der Einschätzung, Russland könne Polen militärisch ohne Weiteres bedrohen. Entscheidend sei die Einbindung Polens in die Verteidigungsstrukturen der NATO und der Europäischen Union.
„Wir sind nicht allein“, erklärte der General in dem Interview. Polen verfüge deshalb über eine völlig andere Ausgangslage als die Ukraine, die seit Jahren unmittelbar gegen die russischen Streitkräfte kämpft.
Auch für den Fall, dass Polen nicht auf seine Bündnispartner zurückgreifen könnte, zeigte sich Pacek überzeugt, dass das Land sich verteidigen würde. Russland habe aus seiner Sicht erhebliche Schwächen und Lücken bei seinen militärischen Fähigkeiten.
Diese Einschätzung ist allerdings eine Bewertung des polnischen Generals und sollte nicht mit einer offiziellen Einschätzung der NATO gleichgesetzt werden.
Russland bleibt trotz militärischer Schwächen gefährlich
Paceks zentrale Aussage ist widersprüchlich: Einerseits hält er einen gemeinsamen Krieg der NATO gegen Russland für gewinnbar, andererseits sieht er gerade in den Schwächen Moskaus ein zusätzliches Risiko.
Russland sei nicht in der Lage, die Ukraine zu besiegen, so Pacek. Präsident Wladimir Putin wisse das. Daraus könne ein gefährlicher Anreiz entstehen, politische oder militärische Risiken einzugehen.
Der General bezeichnete Russland deshalb als „Koloss mit Füßen aus Lehm“. Gemeint sind damit vor allem strukturelle Schwächen, die hinter der Größe des russischen Militär- und Staatsapparats liegen.
Für NATO-Staaten bedeutet dies nach seiner Einschätzung nicht, dass die russische Bedrohung verschwunden wäre. Im Gegenteil: Ein militärisch angeschlagenes Land könne unter bestimmten Umständen unberechenbarer handeln als ein Staat, der seine strategischen Ziele bereits erreicht hat.
Der kommende Winter könnte für die Ukraine entscheidend werden
Besondere Aufmerksamkeit richtet Pacek auf die kommenden Monate. Nach seiner Einschätzung könnte der nächste Winter zu einem entscheidenden Abschnitt des Krieges werden.
Für die Ukraine sind Wintermonate traditionell besonders problematisch. Neben den militärischen Operationen spielen die Energieversorgung, die Infrastruktur und die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung eine wichtige Rolle.
Pacek fordert deshalb, dass Polen seine Unterstützung für die Ukraine weiterdenkt. Dabei gehe es auch um Bereiche, die bislang möglicherweise weniger berücksichtigt worden seien.
Welche konkreten zusätzlichen Maßnahmen er damit meint, wird in den vorliegenden Aussagen allerdings nicht im Detail ausgeführt. Deshalb wäre es nicht seriös, ihm bestimmte Forderungen zuzuschreiben, die er nicht ausdrücklich genannt hat.
Polen sieht sich als Teil der europäischen Verteidigung
Die Aussagen des Generals stehen auch im Zusammenhang mit der politischen Debatte über Europas Sicherheit. Der polnische Außenminister Radosław Sikorski hatte gegenüber ukrainischen Medien erklärt: „Wir in Polen, Sie in der Ukraine haben entschieden: Wir werden nie wieder russische Kolonien sein.“
Die Formulierung verdeutlicht, wie stark die historische Erfahrung mit Russland die polnische Sicherheitsdebatte prägt. Für Warschau ist die Unterstützung der Ukraine deshalb nicht ausschließlich eine Frage der Solidarität mit einem Nachbarland, sondern auch Teil der eigenen Sicherheitsstrategie.
Polen hat seine Streitkräfte in den vergangenen Jahren erheblich modernisiert und seine Zusammenarbeit mit den USA und anderen NATO-Partnern intensiviert. Paceks Argumentation baut auf genau dieser Bündnisstruktur auf: Russland steht nicht einem einzelnen europäischen Staat gegenüber, sondern einem Verteidigungsbündnis.
Wie sicher ist die NATO tatsächlich?
Die Aussage „Wir würden gegen Russland gewinnen“ darf nicht als Garantie für einen militärischen Konflikt verstanden werden. Ein Krieg zwischen der NATO und Russland wäre selbst bei einer angenommenen konventionellen Überlegenheit des Bündnisses mit enormen Risiken verbunden.
Hinzu kommt die nukleare Dimension. Russland verfügt über eines der größten Atomwaffenarsenale der Welt. Ein direkter Konflikt zwischen Moskau und der NATO wäre deshalb grundsätzlich eine andere Situation als der derzeitige Krieg in der Ukraine.
Gerade die nukleare Abschreckung ist ein wesentlicher Grund dafür, warum die NATO ihre militärische Stärke nicht einfach anhand eines hypothetischen Sieges in einem konventionellen Krieg messen kann.
Paceks Aussage ist daher vor allem als Einschätzung der konventionellen militärischen Kräfteverhältnisse zu verstehen. Sie bedeutet nicht, dass ein Krieg mit Russland für die NATO risikolos wäre.
Was bedeutet das für Deutschland und Europa?
Für Deutschland ist die Debatte unmittelbar relevant. Deutschland ist ein zentraler NATO-Mitgliedstaat und unterstützt die Ukraine politisch, finanziell und militärisch. Gleichzeitig liegt Deutschland geografisch weiter von der russischen Grenze entfernt als Polen oder die baltischen Staaten.
Die Sicherheitslage in Osteuropa beeinflusst dennoch die gesamte Allianz. Sollte der Krieg in der Ukraine in den kommenden Monaten eskalieren oder sich die russische Strategie verändern, wären auch die europäischen NATO-Staaten gefordert.
Paceks Botschaft lässt sich deshalb auf einen einfachen Punkt reduzieren: Die NATO verfügt nach seiner Einschätzung über ausreichende militärische Stärke, um Russland konventionell entgegenzutreten. Gleichzeitig darf diese Stärke nicht dazu führen, Moskau zu unterschätzen.
Der kommende Winter könnte dabei ein wichtiger Prüfstein werden. Für die Ukraine geht es um die Aufrechterhaltung ihrer Verteidigungsfähigkeit, für Polen um die weitere Unterstützung des Nachbarlandes und für die NATO insgesamt um die Glaubwürdigkeit ihrer Abschreckung.
Ob Russland tatsächlich vor einer militärischen Niederlage steht oder seine Fähigkeiten langfristig unterschätzt werden, lässt sich derzeit nicht abschließend beurteilen. Paceks Einschätzung macht jedoch deutlich, warum die europäische Sicherheitsdebatte trotz der russischen Schwierigkeiten im Ukraine-Krieg keineswegs an Bedeutung verliert.
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