Russische Armee: Abgehörte Gespräche sollen System aus Gewalt und Einschüchterung zeigen
Die russische Armee soll nach von ukrainischer Seite abgehörten Funkgesprächen an der Front von einem System aus Drohungen, Gewalt und Einschüchterung geprägt sein. Ukrainische Soldaten berichten von Kommandeuren, die erschöpfte oder widerspenstige Soldaten unter Druck setzen und mit körperlicher Gewalt bedrohen. Gleichzeitig verändert der Einsatz moderner Drohnen die Kriegsführung grundlegend: Angriffe werden aus der Distanz gesteuert, während Soldaten auf beiden Seiten häufig nur noch als Bilder auf Bildschirmen erscheinen.
„Ich werde euch alle mit dem Stock verprügeln“
Die abgehörten Funkgespräche zeichnen nach den vorliegenden Angaben ein drastisches Bild des Umgangs innerhalb russischer Einheiten. In einem Gespräch soll ein Vorgesetzter seine Soldaten massiv beschimpft und ihnen gedroht haben: „Ich werde euch alle mit dem Stock verprügeln.“
Auch Aussagen über Soldaten, die nicht mehr weiterkämpfen wollen, vermitteln den Eindruck eines hohen Drucks innerhalb einzelner Einheiten. Der ukrainische Soldat Mario berichtet, manche russische Soldaten würden sich an der Front beschweren und sinngemäß sagen: „Ich kann nicht mehr.“
Die Reaktion eines Kommandanten sei daraufhin mitunter extrem: „Dann eliminiert ihn!“
Solche Aussagen sind nach dem vorliegenden Material Teil von abgehörten Gesprächen und damit nicht unabhängig überprüfte Belege für die Zustände in der gesamten russischen Armee. Sie geben jedoch einen Einblick in die Art von Kommunikation, die ukrainische Soldaten während ihrer Aufklärung an der Front beobachten.
Russische Armee – Gewalt als Mittel der Kontrolle
Besonders auffällig ist die Verbindung zwischen militärischem Druck und persönlicher Einschüchterung. Wer sich weigert weiterzukämpfen oder seine Erschöpfung äußert, wird demnach nicht unbedingt als verwundbarer oder erschöpfter Soldat behandelt, sondern als Problem für die Einheit.
Die Drohungen haben dabei eine doppelte Funktion. Sie sollen einzelne Soldaten zum Weiterkämpfen zwingen und zugleich verhindern, dass sich innerhalb der Gruppe Widerstand gegen Befehle entwickelt.
Für eine Armee im Krieg kann eine solche Atmosphäre erhebliche Folgen haben. Wenn Angst vor den eigenen Vorgesetzten zusätzlich zur Bedrohung durch den Gegner kommt, entsteht für die betroffenen Soldaten ein besonders hoher psychischer Druck.
Wie weit solche Methoden tatsächlich verbreitet sind, lässt sich aus einzelnen Funkmitschnitten allerdings nicht ableiten. Die vorliegenden Berichte beschreiben konkrete Beobachtungen und Aussagen, keine statistische Erhebung über die gesamte russische Armee.
Der Feind wird zum Pixel
Parallel dazu verändert der Drohnenkrieg die Wahrnehmung des Gegners. Der ukrainische Drohnenpilot Vadym beschreibt gegenüber der „Welt“, wie Soldaten auf den Bildschirmen der Drohnensteuerung zunehmend nicht mehr als Menschen wahrgenommen würden.
Der Gegner erscheine dort als
„eine Ansammlung von Zahlen, eine Ansammlung von Pixeln, die keinem echten Menschen mehr ähnelt“.
Das ist eine der grundlegenden Veränderungen moderner Kriegsführung. Drohnen ermöglichen es, gegnerische Bewegungen aus großer Entfernung zu beobachten und Angriffe durchzuführen, ohne dass sich die beteiligten Soldaten unmittelbar gegenüberstehen.
Für die ukrainischen Drohnenpiloten bedeutet das gleichzeitig eine permanente Beobachtung der russischen Einheiten. Sie sehen, wie russische Soldaten allein oder in kleinen Gruppen vorrücken und dabei jederzeit von ukrainischen Kamikaze-Drohnen bedroht werden.
Angriff um Angriff für wenige Meter Gelände
Der Drohnenkrieg macht die Front zugleich zu einem Raum permanenter Überwachung. Russische Soldaten versuchen nach den Schilderungen, in kleinen Gruppen Gelände zu gewinnen, während ukrainische Drohnen diese Bewegungen beobachten und angreifen.
Dabei kann es um wenige Meter Gelände gehen. Die beschriebenen Angriffswellen zeigen, wie hoch der Preis für minimale Geländegewinne sein kann.
Die Kombination aus Artillerie, Minenfeldern und Drohnen macht Bewegungen an der Front besonders gefährlich. Kamikaze-Drohnen können dabei auch eingesetzt werden, wenn sich Soldaten in der Nähe von Minenfeldern bewegen.
Für die Soldaten entsteht damit eine Situation, in der sie nicht nur dem direkten Feuer des Gegners ausgesetzt sind. Auch Bewegungen, die von einer Drohne entdeckt werden, können innerhalb kurzer Zeit einen Angriff auslösen.
Entmenschlichung auf beiden Seiten
Der moderne Drohnenkrieg verändert nicht nur militärische Abläufe, sondern auch die psychologische Wahrnehmung des Gegners. Wer einen Menschen nicht unmittelbar vor sich sieht, sondern lediglich eine Kameraufnahme auf einem Bildschirm, kann leichter eine Distanz zum tatsächlichen Leid entwickeln.
Vadym beschreibt genau diesen Prozess. Der Gegner wird zur Figur auf einem Display, seine menschliche Identität tritt hinter Koordinaten, Bewegungen und Bildpunkten zurück.
Diese Entwicklung ist nicht auf eine einzelne Armee beschränkt. Der Ukraine-Krieg hat gezeigt, welche Bedeutung unbemannte Systeme inzwischen für Aufklärung und Angriff besitzen. Die technische Distanz zum Gegner kann dabei die Hemmschwelle verändern – zugleich bleiben die Folgen eines Angriffs real und unmittelbar.
Die Front wird zunehmend digital
Der Krieg wird damit auf eine paradoxe Weise persönlicher und unpersönlicher zugleich. Soldaten sind einer immer größeren Gefahr durch präzise beobachtete Bewegungen ausgesetzt, während diejenigen, die den Angriff steuern, den Gegner häufig nur über Kamerabilder sehen.
Die abgehörten Gespräche über Drohungen innerhalb russischer Einheiten zeigen gleichzeitig eine andere Seite des Krieges: den Kampf der Kommandeure um Kontrolle über erschöpfte Soldaten.
Ob alle geschilderten Fälle repräsentativ für die russischen Streitkräfte sind, bleibt offen. Die Berichte machen jedoch deutlich, dass neben den sichtbaren Schlachten auch ein Kampf um Disziplin, Angst und psychische Belastbarkeit stattfindet.
Krieg aus der Distanz
Die beschriebenen Funkgespräche und Berichte der ukrainischen Soldaten zeigen zwei miteinander verbundene Entwicklungen. Innerhalb von Einheiten kann Angst vor den eigenen Vorgesetzten zum zusätzlichen Druckmittel werden, während der technologische Wandel den Gegner zunehmend auf einen Bildschirm reduziert.
Der Ukraine-Krieg wird damit nicht nur mit Raketen, Artillerie und Soldaten geführt. Er ist zugleich ein Krieg der Drohnen, Daten und Bilder – und ein Konflikt, in dem die psychologische Distanz zum Menschen auf der anderen Seite immer größer werden kann.
Mehr zum Thema „Russisch-Ukrainischer Krieg„






