Ukrainische Bodendrohnen sollen immer mehr Soldaten an der Front ersetzen
In der Region Charkiw setzt die ukrainische Armee zunehmend auf unbemannte Bodenfahrzeuge, um Soldaten aus besonders gefährlichen Einsätzen herauszuhalten. Die sogenannten UGVs übernehmen bereits Logistik, Evakuierungen und bewaffnete Missionen und sollen künftig noch stärker an die Stelle von Infanteristen treten. Für die Ukraine ist das angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit Russlands und eines Schlachtfelds, auf dem Drohnen nahezu jede Bewegung gefährlich machen, ein strategischer Ansatz: Maschinen sollen Aufgaben übernehmen, bei denen bislang Menschen ihr Leben riskierten.
Ukrainische Bodendrohnen werden zu einem neuen Werkzeug
In einer Werkstatt nahe der Front bereitet der Militärmechaniker „Chimera“ unbemannte vierrädrige Fahrzeuge auf ihren Einsatz vor. Die als „Hyänen“ bezeichneten Systeme können mit Sprengstoff beladen werden und sollen damit unter anderem russische Unterstände angreifen oder Vorstöße stoppen.
Chimera, der nur unter seinem Funkrufnamen auftritt, verwies auf die Wirkung einer solchen Ladung. Ähnliche Fahrzeuge seien nach seinen Angaben bereits bei Einsätzen verwendet worden, bei denen sich russische Soldaten ergaben.
Die Werkstatt gehört zum 3. Armeekorps der Ukraine. Vergleichbare Einrichtungen sind nach den vorliegenden Angaben entlang der rund 1.200 Kilometer langen Front entstanden. Für die zahlenmäßig unterlegenen ukrainischen Streitkräfte geht es dabei um mehr als technische Experimente: UGVs sollen helfen, Personal zu schützen und gleichzeitig militärische Aufgaben effizienter auszuführen.
Inzwischen verfügen die meisten ukrainischen Brigaden und Regimenter über Einheiten für unbemannte Systeme. Neben Luftdrohnen werden dabei zunehmend Fahrzeuge eingesetzt, die sich auf dem Boden bewegen.
Ukrainische Bodendrohnen: Eine neue Revolution der Kriegsführung
Brigadegeneral Andrij Bilezkyj, Kommandeur des 3. Armeekorps, sieht in dieser Entwicklung die nächste „Revolution“ der Kriegsführung. Sein Verband plant, bis zum Jahresende etwa ein Drittel seiner Fronttruppen durch unbemannte Systeme zu ersetzen.
Die Dimension dieser Veränderung wird besonders deutlich, wenn man die Aufgaben betrachtet, die UGVs bereits übernehmen. Im sogenannten „Festungsgürtel“ im Osten der Ukraine transportieren Bodendrohnen Munition und Verpflegung zu belagerten Orten. Außerdem bringen sie Verwundete aus gefährlichen Gebieten zurück.
Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums absolvierten solche Systeme in diesem Jahr bereits mehr als 50.000 Logistik- und Evakuierungseinsätze. Damit gehören sie nicht mehr nur zur experimentellen Technik, sondern sind zu einem Bestandteil des militärischen Alltags geworden.
Bilezkyj kritisiert zugleich, dass westliche Staaten die erste Drohnenrevolution in vielerlei Hinsicht verschlafen hätten. Nun müsse der Westen über die nächste Entwicklungsstufe nachdenken, wenn er technologisch nicht erneut hinterherhinken wolle.
Maschinen statt Menschen im gefährlichsten Bereich
In einer Kommandozentrale der Einheit NC13 in der Region Charkiw steuern Bediener die Fahrzeuge über Bildschirme. Schwarz-Weiß-Bilder des Schlachtfelds werden übertragen, während ein mit einem Maschinengewehr ausgerüstetes UGV eingesetzt wird.
Die Einheit kombiniert Boden- und Luftdrohnen. Bei einem Einsatz transportierte ein unbemanntes Fahrzeug einen mit mehreren Bomben beladenen Anhänger zu einer für die gegnerische Logistik wichtigen Brücke. Bei einer anderen Operation unterstützte ein bewaffnetes UGV einen Angriff, während gleichzeitig Kamikaze-Drohnen aus der Luft eingesetzt wurden.
Der stellvertretende Kommandeur „Bar“ beschreibt dieses Zusammenspiel als besonders wirkungsvoll. Der 23-Jährige war früher Barkeeper und anschließend Infanterist. Er kennt damit die Gefahren des Bodenkampfes aus eigener Erfahrung.
UGVs haben allerdings klare Grenzen. Sie stoßen bei physischen Hindernissen an ihre Grenzen und können Gebäude oder Schützengräben nicht auf dieselbe Weise räumen wie Infanteristen. Außerdem werden sie bislang nicht in ausreichender Zahl produziert, um wie Luftdrohnen in großen Schwärmen eingesetzt zu werden.
Trotzdem liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie keine menschliche Versorgung benötigen. Ein unbemanntes Fahrzeug muss weder Nahrung noch Wasser erhalten und kann für Aufgaben eingesetzt werden, bei denen früher Soldaten exponiert gewesen wären.
Ukrainische Bodendrohnen: Weniger Verluste, mehr Spielraum für Kommandeure
Die Bedeutung der Technologie reicht nach Einschätzung Bilezkyjs über den bloßen Personalschutz hinaus. Bodendrohnen könnten gemeinsam mit KI-gestützter Analyse von Gefechtsfelddaten dazu beitragen, Menschen stärker auf Planung und Entscheidungen zu konzentrieren.
Gleichzeitig könnten sich dadurch die taktischen Möglichkeiten verändern. Wenn ein riskanter Einsatz nicht mehr zwangsläufig bedeutet, Soldaten in unmittelbare Lebensgefahr zu bringen, könnten Kommandeure eher Operationen in Betracht ziehen, die zuvor wegen möglicher hoher Verluste zu gefährlich gewesen wären.
Bilezkyj bezeichnet Krieg als kreative Tätigkeit und als Kunst. Aus seiner Sicht sollte ein Kommandeur deshalb nicht einfach möglichst viele Menschen in Gefahr bringen, sondern vorhandene Möglichkeiten nutzen, um Aufgaben anders zu lösen.
Der Ansatz steht auch im Zusammenhang mit einer Debatte über die ukrainische militärische Führung. Der frühere Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyi war von Teilen des Militärs wegen eines als sowjetisch wahrgenommenen Führungsstils kritisiert worden, der eine hohe Toleranz gegenüber Verlusten eingeschlossen habe. Sein jüngerer Nachfolger Mykhailo Drapatyi gilt als Reformer, von dem ein stärker truppenorientierter Ansatz erwartet wird.
Bilezkyj selbst wurde zuletzt befördert und übernahm ein bedeutendes neues operatives Kommando, das auch die Verteidigung der Region Donezk betrifft. Seine Vorstellung einer stärker automatisierten Kriegsführung erhält damit zusätzliches Gewicht.
Für „Bar“ ist die Entwicklung nicht nur eine militärische Theorie. Er war selbst Infanterist und hat große Bodenschlachten erlebt. Rückblickend glaubt er, dass der großflächige Einsatz von UGVs damals vielen seiner Kameraden das Leben hätte retten können.
Genau darin liegt die zentrale Bedeutung der neuen Systeme: Sie ersetzen den Menschen bislang nicht vollständig. Aber sie verschieben zunehmend die Grenze zwischen Aufgaben, die ein Soldat selbst ausführen muss, und solchen, die eine Maschine übernehmen kann.
Für Deutschland und Europa ist diese Entwicklung ein Hinweis darauf, wie grundlegend sich moderne Landkriegsführung verändert. Der Krieg in der Ukraine zeigt, dass nicht allein größere und leistungsfähigere Waffen entscheidend sind. Ebenso wichtig wird die Fähigkeit, Menschen, Sensoren, Software, Luftdrohnen und Bodenfahrzeuge zu einem vernetzten System zu verbinden. Die ukrainischen UGVs sind dabei noch keine Wunderwaffe – sie könnten jedoch ein Vorgeschmack darauf sein, wie Armeen künftig versuchen, menschliche Verluste durch Technologie zu reduzieren.
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