Tucker Carlson stellt sich gegen Trump – und bringt die MAGA-Bewegung in Bedrängnis
KOMMENTAR: Tucker Carlson entwickelt sich vom einflussreichen Unterstützer Donald Trumps zu einem der sichtbarsten Kritiker seiner politischen Richtung. Mit einer Zehn-Punkte-Vision für die USA und Gesprächen über eine mögliche dritte Partei hat der ehemalige Fox-News-Moderator die Frage aufgeworfen, wie lange die „America First“-Koalition noch zusammenhält. Für Deutschland ist das mehr als ein inneramerikanischer Machtkampf: Ein Bruch im konservativen Lager könnte die US-Politik gegenüber Europa, NATO und internationalen Konflikten nach der Präsidentschaftswahl 2028 beeinflussen.
Tucker Carlson und die neue Front gegen Trump
Carlson hat am 5. August eine zehn Punkte umfassende Vision für die Vereinigten Staaten vorgestellt. Darin beschreibt er ein Amerika, das unter anderem „fair“, souverän, produktiv, gesund, ehrlich, optimistisch, weise, anständig und geeint sein soll. Eine offizielle Präsidentschaftskandidatur kündigte er nicht an. Dennoch verstärkt das Manifest die Spekulationen über seine politische Zukunft.
Entscheidend ist dabei weniger die Liste einzelner Ziele als ihre politische Funktion. Carlson versucht erkennbar, einen Teil der „America First“-Anhänger anzusprechen, die Trump weiterhin nahestehen, zugleich aber mit dessen Politik unzufrieden sind. Besonders umstritten sind innerhalb dieses Milieus die US-Politik im Iran-Krieg, der Einfluss Israels auf die amerikanische Außenpolitik und der Umgang mit den Epstein-Akten.
Bereits im Juli hatte Carlson erklärt, beim Aufbau einer dritten Partei helfen zu wollen. Anfang August trafen sich zudem prominente Trump-Kritiker aus dem MAGA-Lager in seinem Haus in Maine. Dazu gehörten die frühere Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, der Abgeordnete Thomas Massie und der ehemalige Regierungsmitarbeiter Joe Kent.
Das ist noch keine Wahlkampforganisation. Aber es ist ein deutliches Signal: Innerhalb des Trump-Lagers entsteht eine politische Strömung, die „America First“ nicht mehr automatisch mit Donald Trump gleichsetzt.
Die zehn Punkte von Tucker Carlson im Überblick
1. Fair – gerecht:
An erster Stelle steht für Carlson die Gleichheit vor dem Gesetz. Dieselben Regeln sollen für Präsidenten, Bundesbeamte und mächtige Eliten gelten wie für gewöhnliche Bürger. Als Symbol für ein System, in dem sich einflussreiche Menschen Konsequenzen entziehen können, nennt er den verstorbenen Sexualstraftäter Jeffrey Epstein.
2. Sovereign – souverän:
Amerika soll nach Carlsons Vorstellung frei von äußerem Einfluss sein. Er kritisiert ausländische Lobbyarbeit, den Einfluss von Unternehmen auf den Staat und eine hohe Verschuldung. Besonders scharf greift er die israelische Einflussnahme auf die US-Politik an und behauptet, Israel habe die USA durch „Bestechung oder Drohung“ in den Iran-Krieg gedrängt – eine Darstellung, die als politische Behauptung Carlsons einzuordnen ist.
3. Productive – produktiv:
Carlson will die amerikanische Wirtschaft stärker auf Landwirtschaft, Industrie und Handwerk ausrichten. Seine Kritik richtet sich gegen eine Wirtschaft, die seiner Ansicht nach zu stark von Finanzgeschäften, Immobilien-Spekulation, Überwachungstechnologie und Rüstungsproduktion geprägt ist. Stattdessen sollten Amerikaner wieder Dinge herstellen, die einen greifbaren Nutzen haben und langfristig Bestand haben.
4. Beautiful – schön:
Auch Stadtbild und Architektur werden bei Carlson zu politischen Themen. Er kritisiert moderne Stadtplanung, Brutalismus, Graffiti, öffentlichen Drogenkonsum und Verwahrlosung. Saubere, sichere und ästhetisch ansprechende Städte seien für ihn keine Nebensache, sondern Teil einer funktionierenden Gesellschaft.
5. Healthy – gesund:
Carlson verbindet körperliche und geistige Gesundheit mit seiner Kritik an der amerikanischen Lebensmittel- und Pharmapolitik. Er unterstützt dabei die gesundheitspolitische Agenda von Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., fordert bessere Lebensmittel und spricht sich für eine stärker auf Nüchternheit ausgerichtete Gesellschaft aus. Zugleich kritisiert er den verbreiteten Einsatz bestimmter Medikamente wie Xanax, Adderall und SSRI.
6. Honest – ehrlich:
Die Regierung soll die Bevölkerung nach Carlsons Vorstellungen nicht belügen dürfen. Er fordert zudem eine weitreichende Freigabe geheimer Regierungsunterlagen, unter anderem zu den Attentaten auf John F. Kennedy und vom 11. September 2001. Für Carlson ist Geheimhaltung ein Machtinstrument, das Bürger daran hindern könne, staatliches Handeln zu überprüfen.
7. Optimistic – optimistisch:
Hier wird das Programm besonders gesellschaftspolitisch. Carlson argumentiert, Kinder zu bekommen sei ein biologischer Imperativ und die Grundlage langfristigen Denkens. Eine Gesellschaft, die ihre Zukunft sichern wolle, müsse deshalb die nächste Generation in den Mittelpunkt stellen. Er verbindet diese Forderung mit einer scharfen Kritik an einer alternden und kinderlosen politischen Elite.
8. Wise – weise:
Bildung soll für Carlson nicht vor allem ein System akademischer Abschlüsse sein. Schulen sollten Kindern vielmehr vermitteln, wie die reale Welt funktioniert – von grundlegenden natürlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen bis hin zu Geschichte und menschlichem Verhalten. Praktisches Wissen und Urteilskraft stellt er damit über die Orientierung an Abschlüssen und technologischen Trends.
9. Decent – anständig:
Unter „Decent“ fasst Carlson seine Kritik an Krieg und Außenpolitik zusammen. Die USA sollten nach seiner Vorstellung keine Zivilisten töten und müssten sich entschuldigen sowie Entschädigungen leisten, wenn dies dennoch geschehe. Außerdem lehnt er die Unterstützung von Staaten ab, denen er Völkermord vorwirft, und kritisiert die Umbenennung des US-Verteidigungsministeriums zum „Department of War“.
10. United – geeint:
Der letzte Punkt betrifft die nationale Identität. Carlson fordert eine stärkere gemeinsame amerikanische Identität, eine Begrenzung der Einwanderung und eine stärkere Konzentration staatlicher Leistungen auf US-Bürger. Zudem spricht er sich für Englisch als gemeinsame Sprache staatlicher Dokumente und Stimmzettel aus.
Das eigentliche Problem für die Republikaner
Für die Republikanische Partei liegt die Gefahr weniger darin, dass Tucker Carlson kurzfristig Trump ersetzt. Das erscheint derzeit keineswegs ausgemacht. Problematischer wäre eine dauerhafte Spaltung der konservativen Wählerschaft.
Ein republikanischer Kandidat kann sich eine Konkurrenz von rechts nur begrenzt leisten, wenn ein unabhängiger oder dritter Kandidat genügend Stimmen bindet. Genau deshalb ist die Frage einer dritten Partei strategisch bedeutsam. Carlson selbst hat seine politische Vision ausdrücklich in einen größeren Umbruch des amerikanischen Parteiensystems eingeordnet.
Allerdings gibt es auch erhebliche Zweifel an den Erfolgsaussichten. Ein republikanischer Stratege sagte dem Washington Examiner, ein „anti-Trump MAGA“-Kandidat sei ein Widerspruch in sich, weil Trump weiterhin das Zentrum der Bewegung bilde. Diese Einschätzung zeigt die zentrale Schwäche von Carlsons Projekt: Die Unzufriedenheit mit Trump ist nicht automatisch eine stabile politische Koalition.
Das ist der übersehene Punkt in der aktuellen Debatte. Eine Bewegung kann Aufmerksamkeit erzeugen, ohne bereits über eine tragfähige Wählerschaft, Parteistrukturen oder eine realistische Strategie für die Wahl 2028 zu verfügen. Carlsons Manifest beschreibt eine politische Richtung; es beweist noch nicht, dass daraus eine erfolgreiche Partei entstehen kann.
Kommentar: Tucker Carlson wird für Trump vor allem dann gefährlich
Die These, Carlson wolle Donald Trump persönlich „vernichten“, geht über das hinaus, was sich derzeit belegen lässt. Carlson hat keine solche Kampagne offiziell angekündigt. Belegt ist aber, dass er sich zunehmend von der politischen Linie Trumps distanziert und eine Alternative innerhalb des „America First“-Spektrums formuliert.
Genau darin liegt die größere Herausforderung. Trump hat seine politische Stärke lange daraus bezogen, dass er unterschiedliche Strömungen der amerikanischen Rechten unter einem Dach versammeln konnte. Carlson arbeitet nun daran, zumindest einen Teil dieser Anhänger davon zu überzeugen, dass „America First“ auch ohne Trump denkbar ist.
Ob das gelingt, wird nicht allein von Carlson abhängen. Entscheidend werden die nächsten Konflikte innerhalb der Republikanischen Partei, die Bilanz der Trump-Regierung und die Frage sein, wer 2028 für die Republikaner antritt. Sollte es zu einer offenen Auseinandersetzung um die Nachfolge kommen, könnte Carlson vom Medienkommentator zum Machtfaktor werden.
Für Deutschland wäre das ein Vorgang, den man genau beobachten sollte. Nicht weil eine Carlson-Kandidatur bereits feststeht, sondern weil sich in seinem Umfeld eine Frage zuspitzt, die weit über die USA hinausreicht: Was bleibt von der amerikanischen „America First“-Politik übrig, wenn sich ihre Anhänger nicht mehr auf einen gemeinsamen Anführer einigen können?
Die Antwort darauf könnte auch bestimmen, wie verlässlich Washington künftig als Partner Europas auftritt.
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