Ukraine warnt vor neuer russischer Mobilisierung: Selenskyj erwartet 300.000 Soldaten
Russische Mobilisierung 300.000 Soldaten: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt vor einer möglichen russischen Mobilisierung von 300.000 Soldaten nach den russischen Wahlen im September. Nach seiner Darstellung verfolgt der Kreml damit vor allem das Ziel, die noch von der Ukraine kontrollierten Teile der Region Donezk zu erobern. Hinweise auf Vorbereitungen liefert demnach eine russische Planungsübung in Königsberg, bei der unter anderem die Unterbringung, Versorgung und Ausrüstung neuer Rekruten getestet worden sein soll. Für die Ukraine würde eine solche Mobilisierung die militärische Bedrohung deutlich erhöhen; für Wladimir Putin birgt sie zugleich erhebliche innenpolitische Risiken.
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300.000 neue Soldaten: Was über die mögliche Mobilisierung bekannt ist
Nach Angaben Selenskyjs könnte Moskau nach den Wahlen im September eine neue Einberufungswelle starten. Westliche Geheimdienstmitarbeiter erklärten dem Wall Street Journal, eine Übung in Königsberg habe unter anderem dazu gedient, die praktischen Voraussetzungen für eine größere Zahl neuer Rekruten zu testen.
Dabei geht es um grundlegende Fragen: Wo sollen die Soldaten untergebracht werden? Wie werden sie versorgt und ausgerüstet? Und verfügt Russland überhaupt über genügend Kapazitäten, um kurzfristig eine große Zahl zusätzlicher Soldaten in seine Streitkräfte zu integrieren?
Die Berichte bestätigen für sich genommen nicht, dass tatsächlich 300.000 Menschen mobilisiert werden. Die konkrete Zahl stammt aus Selenskyjs Darstellung. Entscheidend ist daher die Unterscheidung zwischen den ukrainischen Warnungen vor einer bevorstehenden Mobilisierung und unabhängig bestätigten Tatsachen.
Der mögliche militärische Zweck wäre allerdings klar. Russland kontrolliert nach den vorliegenden Angaben mindestens 80 Prozent der Region Donezk. Die Eroberung der noch von Kiew gehaltenen Gebiete gilt als eines der zentralen Kriegsziele Moskaus.
Donezk gehört zu den vier ukrainischen Regionen, deren Annexion Putin 2022 verkündete. Neben Donezk sind dies Luhansk, Saporischschja und Cherson. Russland kontrolliert jedoch nicht das gesamte Gebiet dieser Regionen.
Das politische Risiko für Putin
Eine neue Massenmobilisierung wäre für den Kreml nicht nur eine militärische Entscheidung. Sie könnte auch das Verhältnis zwischen russischer Bevölkerung und Regierung belasten.
Seit Beginn der Invasion hat Russland stark auf finanzielle Anreize gesetzt, um genügend Freiwillige für den Krieg zu gewinnen. Dieses Modell wird teilweise als „Deathnomics“ bezeichnet: hohe Zahlungen sollen Menschen dazu bewegen, sich für den Militärdienst und den Einsatz in der Ukraine zu verpflichten.
Das System hat dem Kreml bislang ermöglicht, zusätzliche Kräfte zu rekrutieren, ohne eine neue Mobilisierungswelle mit den gesellschaftlichen Folgen von 2022 auszulösen. Doch wenn die freiwillige Rekrutierung nicht mehr ausreicht, könnte Putin vor einer schwierigen Entscheidung stehen.
Eine groß angelegte Einberufung würde den Krieg für deutlich mehr russische Familien unmittelbar spürbar machen. Genau darin liegt das politische Risiko. Experten warnen deshalb vor der Möglichkeit einer sozialen Reaktion bis hin zu einer „sozialen Explosion“.
Die Rechnung des Kremls ist damit komplizierter geworden: Mehr Soldaten könnten zwar zusätzliche militärische Optionen eröffnen. Gleichzeitig könnte eine Mobilisierung aber genau jene gesellschaftliche Belastung verstärken, die die russische Führung bisher möglichst vermeiden wollte.
Russische Mobilisierung 300.000 Soldaten: Selenskyj lehnt Wahlen während des Krieges ab
Parallel zur militärischen Frage verschärft sich in der Ukraine eine politische Debatte. Der ehemalige Verteidigungsminister Mychajlo Fjodorow hatte Neuwahlen gefordert und erklärt, die Demokratie dürfe nicht von Russland als Geisel genommen werden.
Fjodorow sprach sich für einen „legalen, sicheren und realistischen Mechanismus“ aus, mit dem der demokratische Prozess auch während eines langen Krieges wiederhergestellt werden könne.
Selenskyj lehnt diesen Ansatz derzeit ab. Er argumentiert, Wahlen während des Krieges seien ein erhebliches Sicherheitsrisiko und könnten die Ukraine spalten.
Unter dem geltenden Kriegsrecht sind Wahlen in der Ukraine ausgesetzt. Selenskyj warnte, eine Wahl unter den gegenwärtigen Bedingungen könne zu einer Spaltung des Landes führen.
Damit stehen sich zwei politische Bedürfnisse gegenüber. Auf der einen Seite steht der Wunsch nach demokratischer Erneuerung nach Jahren des Krieges. Auf der anderen Seite steht die Sorge, dass ein Wahlkampf inmitten russischer Angriffe die ukrainische Einheit schwächen könnte.
Für Selenskyj ist das eine besonders schwierige Situation. Je länger der Krieg dauert, desto stärker dürfte die Frage nach der politischen Zukunft des Landes in den Mittelpunkt rücken. Gleichzeitig kann die Regierung kaum ignorieren, dass Russland weiterhin militärischen Druck ausübt.
Ukraine greift russische Logistik immer weiter entfernt an
Militärisch versucht Kiew unterdessen, den Druck auf Russland auf dessen Territorium zu erhöhen. Ukrainische Langstreckendrohnen haben zuletzt Einrichtungen des russischen Onlinehändlers Ozon getroffen.
Nach den vorliegenden Angaben wurden zwei Logistikzentren in den Regionen Samara und Orenburg angegriffen. Ozon gehört zu den größten Onlinehändlern Russlands und deckt rund 30 Prozent des russischen E-Commerce-Marktes ab.
Besonders bemerkenswert ist die Entfernung. Orenburg liegt nahe der Grenze zu Kasachstan und etwa 1.000 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Der Angriff verdeutlicht damit die wachsende Reichweite ukrainischer Drohnen.
Ozon erklärte, nach einem Angriff seien mehr als 300 Menschen aus einem Logistikzentrum in der Region Orenburg evakuiert worden. Der Betrieb wurde eingestellt. Auch ein Zentrum in Tschapajewsk wurde nach einem Angriff vorübergehend stillgelegt.
Die Ukraine hat bereits zuvor Lager des Konkurrenten Wildberries angegriffen. Kiew wirft dem Unternehmen vor, eine wichtige Rolle in der Lieferkette der russischen Streitkräfte zu spielen. Die Angriffe auf Logistikunternehmen verfolgen damit offenbar nicht nur ein militärisches, sondern auch ein wirtschaftliches Ziel: Russland soll die Kosten des Krieges stärker im eigenen Land spüren.
Europas Unterstützung wird für Kiew wichtiger
Gleichzeitig wächst der Druck auf die ukrainische Luftverteidigung. Nach einer Serie russischer Angriffe benötigt Kiew zusätzliche Abfangraketen.
Frankreich kündigte deshalb neue Unterstützung an. Präsident Emmanuel Macron erklärte nach einem Gespräch mit Selenskyj, Paris werde die Ukraine mit weiteren Abfangraketen versorgen und die Zusammenarbeit bei der Luftverteidigung fortsetzen.
Die Ankündigung erfolgte im Umfeld des Treffens der sogenannten Koalition der Willigen in Kiew. Die Unterstützer der Ukraine beraten darüber, wie der Druck auf Russland erhöht und die ukrainische Verteidigungsfähigkeit gestärkt werden kann.
Für Deutschland und Europa ist die Entwicklung unmittelbar relevant. Eine größere russische Mobilisierung würde den militärischen Druck auf die Ukraine erhöhen und könnte den Bedarf an Munition, Luftverteidigung und finanzieller Unterstützung weiter steigern.
Russische Mobilisierung 300.000 Soldaten: Was jetzt entscheidend wird
Die zentrale offene Frage ist, ob Russland tatsächlich eine Mobilisierung in der von Selenskyj genannten Größenordnung vorbereitet. Die berichteten Übungen liefern Hinweise auf Vorbereitungen für eine größere Rekrutierung, bestätigen aber noch nicht, dass 300.000 Soldaten tatsächlich einberufen werden.
Sollte Moskau diesen Schritt gehen, wäre die Entwicklung militärisch und politisch bedeutsam. Neue Truppen könnten Russland zusätzliche Möglichkeiten bei seinem Versuch geben, die noch von der Ukraine kontrollierten Teile Donezks einzunehmen.
Gleichzeitig müsste Putin mit den innenpolitischen Folgen umgehen. Eine Mobilisierung würde den Krieg für Millionen weiterer Menschen unmittelbar relevant machen und könnte das bisherige System der finanziellen Anreize für Freiwillige an seine Grenzen bringen.
Die Ukraine steht derweil vor einem ebenso schwierigen Spagat: Sie muss ihre militärische Verteidigung stärken, während gleichzeitig die Debatte über demokratische Wahlen und die politische Zukunft des Landes zunimmt.
Die kommenden Wochen könnten deshalb für beide Seiten entscheidend werden. Für Russland geht es darum, ob zusätzliche Truppen die militärische Dynamik verändern können, ohne eine neue innenpolitische Krise auszulösen. Für die Ukraine steht dagegen die Frage im Mittelpunkt, wie sie militärischen Widerstand, internationale Unterstützung und die langfristige demokratische Stabilität des Landes gleichzeitig sichern kann.
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